Freitag, 17. Februar 2017

Roaming gratis, dafür Tarife teurer?

In Europa entfallen zum 15. Juni 2017 die Roaming-Gebühren. Kann man dann wirklich mit seinem heimischen Tarif im Urlaub in Italien ohne zusätzliche Kosten einfach drauflossurfen und -telefonieren? So war es eigentlich gedacht, doch gerade die kleinen Provider werden Mühe
haben, den Wegfall der Roaming-Gebühren zu verkraften. Immerhin macht die Abgabe 10% der jährlichen Einnahmen aus. Um den Aderlass zu kompensieren, werden die Provider die EU-Vorgaben vermutlich durch Einschränkungen bei der Nutzung und höhere Tarife unterlaufen.

TIM, Vodafone, Tre und ihre europäischen Partner fürchten nicht zu Unrecht den Missbrauch der sogenannten „fair use“-Regel, die eine bis zu viereinhalb Monate lange Nutzung des Heimattarifs im europäischen Ausland erlaubt, bevor der Provider den Verbrauch deckeln kann. Die Verlockung ist groß, einen Handyvertrag bei einem ausländischen Anbieter abzuschließen und den günstigeren Tarif dann im eigenen Herkunftsland zu nutzen. In Skandinavien sind zum Beispiel Daten-Flatrates üblich, und dazu noch recht günstig. Da könnte jemand, der zuhause für 3 GB 20 Euro zahlt schon ins Grübeln kommen.

Das "roam like home“, die Grundfreiheit für Reisende in der EU, droht also zum Bumerang für die Nutzer zu werden. Der Betreiber geraten durch den Wegfall der Roaming-Gebühren in eine Kostenfalle. Surft ein T-mobile-Kunde aus Deutschland in Italien im TIM-Netz, kostet das T-mobile 10 Euro pro GB. Das rechnet sich nur bei Kunden, die hochpreisige Datenpakete von 30 bis 40 Euro pro Monat abonniert haben. Je günstiger der Tarif und je höher das Datenvolumen desto größer ist die Wahrscheinlichkeit, dass der Anbieter draufzahlt. Vollends absurd wird die Rechnung bei einem Tarif wie dem All in VIP von Tre mit einem GB pro Tag. Der Kunde zahlt dafür in Italien nur 15 Euro, der Auslandspartner verlangt aber 300 Euro Nutzungsentgelt.

Eine knifflige Situation. Wer die Roaming-Dienste ganz einstellt dürfte auf dem umkämpften Markt keine Chance mehr haben. Also wird es aller Voraussicht nach zu Preiserhöhungen kommen und dem Surfen werden Grenzen gesetzt. Schuld daran sind letztlich die Großhandelspreise, die vor allem im Sommer den Betreibern rund ums Mittelmeer riesige Gewinne in die Kassen spülten. Dreizehn Regierungen in der EU drängen darauf, diese Preise zu senken, die anderen, darunter Italien, wollen bei der alten Regelung bleiben.

Um die Folgen beim Wegfall der Roaming-Entgelte abzufedern, hat Brüssel eine Austiegsklausel eingebaut: Erleidet ein Betreiber aufgrund der Roaming-Gratis-Regelung einen Verlust von mehr als 3%, darf er in Übereinkunft mit den örtlichen Behörden eine Obergrenze setzen. Das wird ein spannender Sommer.

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