Mittwoch, 3. August 2016

Strandbäder im Visier der EU-Bürokraten

Liegestuhl und Sonnenschirm, dicht an dicht, Umkleidekabinen und eine Bar, so kennt und liebt der Italiener sein Strandleben. Dafür muß er zahlen – und nicht zu knapp. Die Küstengemeinden begannen in den 50er-Jahren damit, ihre Strände zu verpachten und waren so aller Sorgen um
Sauberkeit und Ordnung ledig. Nirgendwo sonst auf der Welt konnte sich dieses Modell durchsetzen. Bald aber wird nichts mehr sein, wie es war.

Am 14. Juli entschied der Europäische Gerichtshof über die Zukunft der Strandbäder in Italien. Die automatische Verlängerung der Konzessionen alle sechs Jahre muss der öffentlichen Ausschreiben Platz machen. Dieses Urteil war zu erwarten gewesen. Schon seit 2010 schwebte die Direktive Bolkestein, so benannt nach ihren holländischen Initiator, wie ein Damoklesschwert über den „balneari. Mit ihr soll der freie Wettbewerb im Dienstleistungssektor in ganz Europa gewährleistet werden.

Durch die Praxis der italienischen Kommunen, die Nutzungsgenehmigungen für bestimmte Küstenabschnitt automatisch zu verlängern, blieben die Strände quasi über Generationen in Familienbesitz. Auch wenn die Strandbetreiber gerne über ihre hohen Betriebkosten und die kurze Saison lamentieren, garantieren diese Erbhöfe doch ein beträchtliches Einkommen. Weil dabei viel Bargeld im Spiel ist, sind Geldwäsche und Steuerhinterziehung an der Tagesordnung. Gar nicht so selten wird im Kampf um die Pfründe mal ein Etablissement abgefackelt.

Trotz der Vorgaben aus Brüssel hatte Rom eine Verlängerung des Status Quo bis 2020 verfügt, um den Strandbetreibern Zeit zu geben, sich an die neue EU-Verordnung anzupassen. Diese Sonderregelung wurde nun für Null und Nichtig erklärt.

In ganz Italien sind etwa 30.000 solcher Unternehmen von der Direktive betroffen. Sie kämpfen mit allen Mitteln um ihre Investitionen und Pfründe und drängen auf eine Übergangsphase von 30 Jahren. Gianfranco Oneglio, Vorsitzender der Fiba (federazione italiana balneari) malt ein Schreckgespenst an die Wand: Holländer und Deutsche würden bald Gebote auf ligurische Strandbäder abgeben, Chinesen oder Russen könnten womöglich diesen wichtigen Tourismussektor übernehmen. Ein Stück italianità ginge verloren.

Aus Protest flattert über vielen Stränden Liguriens bis Ferragosto (15. August) der Union Jack, Symbol des Brexit und Symbol des Widerstands gegen die EU

Siehe auch den mondoligure-Artikel Wem gehört der Strand?

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