Donnerstag, 11. Juni 2015

Deutsche in Ligurien

Ralf Limbach, Physiotherapeut in Imperia

Ralf Limbach vor seiner Praxis in OnegliaKennengelernt haben sie sich 1993 in der Esslinger Pizzeria „Sanremo“. Ein Fingerzeig? Zwanzig Jahre später ließen sich der Physiotherapeut Ralf Limbach und seine Frau Sybille in Ligurien nieder. Schon immer hatten sie den Traum, einmal anders zu leben, irgendwie,
irgendwo. Doch dann kamen die Kinder und der Aufbau der Praxis forderte alle Energie. Immerhin gab es bereits fünf Kollegen in dem schwäbischen 6000-Seelen-Ort, in dem sie lebten. Bald aber rannten die Patienten Ralf die Bude ein. Sybille kümmerte sich um den Papierkram und die Termine. Es hätte nicht besser laufen können.

Da las Ralf Limbach in einer Verbandszeitschrift von einem Kollegen, der sich in Bozen niedergelassen hatte. Der alte Traum ...

Bis bei den Limbachs schließlich die Entscheidung fiel und sich Imperia als neuer Lebensmittelpunkt herauskristallisierte, dauerte es nach dem ersten Ausstrecken der Fühler noch zwei Jahre. Den Ausschlag für Ligurien gab letztlich ein Urlaub im Hinterland der Provinz Imperia, bei Villa Faraldi.

Die ersten Monate in Ligurien kann man getrost als chaotisch bezeichnet. Die Zulassung als Physiotherapeut beantragen, Wohn- und Praxisräume finden, den 12-jährigen Sohn und die 15 Jahre alte Tochter einschulen ... Während sich der Bub auf das neue Leben freute, hatte das Mädchen null Bock auf Italien. Beim Eingewöhnen war es dann genau umgekehrt: Der Junge kam zuerst  nur schwer mit der neuen Situation klar, das Mädchen war sechs Monate später voll integriert und in den großen Ferien meinte sie: "Danke, daß ihr hier hergezogen seid. Das ist der schönste Sommer meines Lebens".

Seit zweieinhalb Jahren gibt es jetzt die Physiotherapie-Praxis Ralf Limbach in Imperia. Und ein zufriedener, wenn auch noch kleiner Kundenkreis sichert die Existenz der Praxis.

Unter Physiotherapie wird hier in der Regel Massage und Krankengymnastik verstanden. Viele Behandlungsmethoden, die die Praxis Limbach zu bieten hat, sind selbst für seine italienischen Kollegen Terra Incognita. Anders als in Deutschland gibt es Physiotherapie in Italien nicht auf Krankenschein. Die Patienten zahlen die Behandlung aus eigener Tasche.

Für deutsche Urlauber und Ferienhausbesitzern ist wichtig zu wissen, dass eine physiotherapeutische Behandlung im Ausland mit der Krankenkasse abgerechnet werden kann. Birgit F. zum Beispiel kam nach ihrer Knie-Operation und der anschließenden Reha mit einem Rezept in die Praxis von Ralf Limbach. Die Rechnung wurde in Deutschland anstandslos erstattet. Auch wer sich auf dem Liegestuhl am Strand den Rücken verrenkt hat, kann die Kosten der Behandlung bei der Kasse einreichen. Und wen es so hart getroffen hat, dass er das Haus nicht mehr verlassen kann, wird von Ralf Limbach aufgesucht. Auch dann, wenn er die Behandlungsliege weite Strecken durch steile Dorfgassen schleppen muss.

Sybille Limbach fühlt sich mit der Praxisbuchführung nicht ganz ausgelastet. Sie will sich ein eigenen Betätigungsfeld erschließen und offeriert inzwischen Dienstleistungen für Hausbesitzer an (Telefon: 0183 49 99 73 / Handy 339 578 75 12), nicht nur um das Familienbudget aufzubessern, sondern auch, um endlich ganz in Ligurien anzukommen. Sie macht Behördengänge, betreut Gäste, sorgt bei der Übergabe von Ferienobjekten dafür, dass alles seine Ordnung hat, putzt und organisiert die Gartenpflege. Und für Weihnachts-Schmuddelwetter-Flüchtlinge backt sie sogar Christstollen - ein Können, dass sie in ihrer alten Heimat Halle erworben hat.

Was hat sich für die Limbachs verändert, im Vergleich zu ihrer eigentlich recht komfortablen Situation in Deutschland? Sie sind der 15 Minuten-Taktung der Krankenkassen entronnen. Ralf hat mehr Zeit, auf seine Patienten einzugehen und seine Erfahrung einzubringen, statt Krankenscheine abzuarbeiten. Und zwischen zwei Behandlungen bleibt manchmal Zeit, sich an den Strand zu legen.

Beide finden, es lebt sich gelassener unter Liguriens Sonne.

Bereut haben Ralf und Sybille Limbach ihren Schritt bisher jedenfalls nicht.



Autoren: Sandra Ross / Christa Müller