Dienstag, 7. Oktober 2008

Ein Cockerspaniel erlebt Ligurien (2)


Rambo muß mit ans Meer9. September
Madonna Santa, nicht schon wieder! Gerade habe ich mich vom letzten Ligurien-Stress erholt, da packt Frauchen doch schon wieder meine Hundetasche. Bin tief deprimiert. Gerade jetzt, wo es bei uns herbstelt und angenehm kühl wird! Döse den ganzen Tag vor mich hin,
um meine Missbilligung zu demonstrieren. Dabei weiß ich ja aus einschlägiger Erfahrung, dass das null nützt. Hat Frauchen sich nun mal Italien in den Kopf gesetzt, wird nach Italien gefahren. Dableiben ohne sie und leiden oder mitfahren und leiden - das ist dann auch schon egal. Detto tra noi, habe ich nur die Wahl zwischen Pest und Cholera. Dann eben die Cholera.

12. September
Alles noch schlimmer geworden hier in Bellissimi. Konnte ich bisher wenigstens ab und zu im Halbschatten unterm Feigenbaum ein wenig entspannen, ist das jetzt auch vorbei. Eine Katzenmutter mit ihrem vorwitzigen Balg hat unseren Garten okkupiert. Die beiden stehen unablässig vor der Terrassentür und miauen nach Fressen. Natürlich wollte ich mir das als Herr im Haus nicht bieten lassen und bin grimmig bellend dazwischengefahren. Ist mir aber gar nicht bekommen. Die Alte hat mich giftig angefaucht und das Gör hat mir mit den Krallen die Schnauze ramponiert. Tut höllisch weh. Habe mich natürlich postwendend bei Frauchen beklagt, aber die verliert in Italien offensichtlich regelmäßig den Verstand. Ich soll doch den beiden Kätzchen auch was gönnen, hat sie gemeint, und ihnen noch mal den Napf nachgefüllt. Was sagt Hund denn dazu? Bin nachhaltig in meiner Cocker-Ehre gekränkt und würde mich gerne beschweren. Weiß nur nicht, wo.

15. September
Heute große Aufregung. Gingen zu einem Künstlerfest. Darunter konnte ich mir bisher wenig vorstellen, doch jetzt weiß ich: ein Künstlerfest ist die schiere Katastrophe. Erstens wurde das Gelände von einem überdimensionierten schwarzen Zauselhund namens Onyx (ha, ha!) bewacht, der mir gleich an die Gurgel wollte. Habe fürchterlich gequiekt und mich so furios um meine eigene Achse gedreht, dass einige Skulpturen auf ihren Podesten heftig ins Wanken geraten sind und Frauchen noch lauter gequiekt hat als ich. Soll sie nur. Zweitens standen meine Menschen stundenlang rum, futterten und redeten und tranken und redeten und um mich hat sich keiner gekümmert. Musste dazu noch den Zottelfeind im Auge behalten. Der war zwar an die Leine gelegt, hat aber ständig nissig zu mir rübergeguckt. Voll der Stress. Drittens war der ganze Garten mit vertrockneten Spelzen von diesem ekligen Strandhafer übersät. Der hat sich durch mein Fell und die Haut gepiekst, dass alles brennt und juckt. Hoffentlich bekomme ich keinen Schaden fürs Leben.

17. September
Da haben wir's. Kann kaum mehr laufen. Weil meine Pfoten mit Strandhafer gespickt sind. Mache schwer auf leidend, humple, hechle und stöhne, was das Zeug hält. Doch Frauchen sagt nur „Simulier doch nicht schon wieder, ein bisschen Bewegung muss sein" und scheucht mich in der Prallsonne den Berg hinunter von Bellissimi nach Dolcedo und natürlich auch wieder zurück. Möchte nur noch heim.

18. September
OP: Dornen in der PfoteEs geht mir ausgesprochen schlecht. Damit Frauchen das endlich kapiert, habe ich das Fressen verweigert. Da hat sie dann doch die Panik gekriegt und wollte mit mir zum Tierarzt. Doch auf halbem Berg haben wir Christina mit ihrer Ape getroffen. Die lebt in Praelo mit vier Eseln, zwei Pfauen und sonstigem Viechzeug, das ich nicht so überblicke. Und die hat sofort gewusst, was mir fehlt. Und hat auch ordentlich mit Frauchen geschimpft, dass sie das mit dem Strandhafer nicht gemerkt hat. Habe ihr aus lauter Dankbarkeit übers Gesicht geschleckt. Zwei Stunden lang hat sie dann an meinen Pfoten rumoperiert mit Eselslotion, Schere und Pinzette, um die Spelzen aus meinen Zehen zu holen. Jede einzelne hat sie Frauchen unter die Nase gehalten, dass die ein schlechtes Gewissen bekommen und sich bei mir entschuldigt hat. Was ich für ein armer Kleiner bin und was für ein oberdummes Frauchen ich hab. War viel zu erschöpft, um ihr nicht zu verzeihen. Aber noch mal soll sie sich das nicht leisten.

19. September
Na bitte. Heute war Schontag ausgerufen. Das kleine Bewegungsprogramm, „weil der Hund sich von seinen Strapazen erholen muss". Gingen nur ein bisschen durch Porto flanieren und ausnahmsweise durfte ich an allen Ecken schnuppern, an denen ich sonst immer vorbeigezerrt werde. Überlege mir, ob ich die Humpelei nicht als Dauereinrichtung beibehalten soll. Lebt sich auf diese Weise äußerst angenehm. Blöd nur, dass ich dieses Vorhaben immer wieder vergesse, wenn ich einen interessanten Kumpel oder - noch besser- eine leckere Hunderagazza sichte, denen ich schnell nachrennen muss. Und leider registriert Frauchen das auch jedes Mal. Der Hund ist doch ein perfekter Schauspieler, hat sie zu ihrer Freundin Carola gesagt, und dass sie mich bei der dramatischen Oper anmelden wird. Weiß nicht, was ich davon halten soll. Habe deshalb die Humpelarie wieder eingestellt.

22. September
Sind heute schon zum Frühstücken ans Meer gefahren. Zu unserem Lieblingsitaliener, der eigentlich Franzose ist. Dort bin ich ganz gerne, weil es immer jede Menge zu entdecken gibt, in den Felsspalten und den Blumenkübeln. Außerdem sind die Leute dort nett und zeigen sich gebührend entzückt, was ich doch für ein Schöner bin. Denke zumindest, dass sie das meinen, wenn „Che carissimo, che bello" jubilieren. Frauchen schaut mich dann jedenfalls immer ganz verliebt an. War deshalb schon etwas pikiert, dass sich heute Konkurrenz aufgetan hat. Ein Cocker namens Bruno, der mir zwar zum Verwechseln ähnlich sah, aber einen ziemlich miesen Charakter hatte. Denn ununterbrochen hat er mir demonstriert, dass er ein paar Jährchen weniger auf dem Buckel hat. Ist die Felsen rauf und runter gesprungen, vor und hinter die Büsche und drumherum. Durfte natürlich keine Schwäche zeigen und habe ihn gejagt, bis mir die Zunge bis zum Boden hing und Frauchen mich an die Leine genommen hat „weil der Hund sonst einen Herzschlag kriegt." War ihr dafür ausnahmsweise dankbar, weil es mir einen geordneten Rückzug ermöglicht hat. Heftig gegrummelt habe ich dann aber doch noch und mit den Hinterfüßen den Kies in die Gegend gescharrt. Hat zwar einige Einschläge an den Tischen im näheren Umkreis verursacht, aber dieser Stronzo von Bruno wusste hoffentlich: Wäre ich nicht an die Leine gelegt worden, hätte ich ihn fertig gemacht. So wahr ich Rambo heiße. 

25. September
Bin ziemlich zufrieden mit mir. Heute nämlich war Markt in Bordighera angesagt Was davon zu halten ist, weiß ich. Musste es ja schon ein paar Mal erdulden. Der pure Horror. Habe also zu einer List gegriffen und nacheinander einige Schuhe im Garten unter dem Kriechrosmarin versenkt. Hat sich toll bewährt. Die Frauen haben solange mit Suchen zugebracht, dass sie den Zug zwei Stunden später nehmen mussten. Und als wir dann in Bordighera ankamen, waren die Händler schon fast am Abbauen. Musste dann zwar mit an den Strand, was auch reichlich langweilig ist, aber immer noch besser als Markt. 

27. September
Ich bin ein Held. Sagt Frauchen. Und Carola sagt es auch. Muss dann ja wohl stimmen. Die beiden sind ganz aus dem Häuschen, weil ich mich trotz meiner Wellen- und Salz-Phobie das erste Mal ins Meer gewagt habe. Dabei war es die pure Verzweifelung. Denn die beiden Frauen sind so weit rausgeschwommen, dass ich sie von meinem Beobachtungsposten auf der Mole gar nicht mehr sehen konnte und einen Mordsschiss bekam, dass sie mich als armes Waisenkind einfach so zurücklassen und ich den Rest meines Cockerlebens in diesem unwirtlichen Ligurien verbringen muss. Was blieb mir denn da schon groß übrig, als über den eigenen Schatten zu springen und ihnen hinterher zu paddeln. Fast wäre es auch noch schief gegangen, weil so eine blöde Welle mich gleich erfasst und unter Wasser gedrückt hat. Habe dann meine Ohren als Ausleger eingesetzt, um einigermaßen an der Oberfläche zu bleiben. Immerhin hat sich die Aktion gelohnt. Denn als die beiden Frauen gesehen habe, dass ich im Wasser bin, sind sie sofort zurückgekommen und haben sich gar nicht mehr eingekriegt, wie prima ich das gemacht habe. Und beim Abendessen haben sie eine „Salsiccia" bestellt, nur für mich allein. Mal schauen, ob ich die Schwimm-Nummer ins Repertoire aufnehme. 

29. September
Halleluja. Ein Ende der Ligurien-Leiden ist in Sicht. Meine Menschen sind schwer lädiert. Geschieht ihnen irgendwie recht. Musste Carola doch, obwohl das Meer troppo mosso war, von der Mole ins Wasser klettern. Dabei ist sie ausgerutscht und mit den Rippen gegen den Felsen geprallt. Eine Medusa, was immer das ist, hat sie bei der Aktion auch noch in die Fänge gekriegt. Auf alle Fälle ist Jammern und Zwangsruhe angesagt. Und Frauchen hat sich in der Schlaufe ihrer neuen Hose vom Bordighera-Markt verfangen und sich den großen Zehennagel abgerissen. Weiß zwar nicht, wie man so ungeschickt sein kann, aber mir soll's recht sein, wenn den beiden Italien erst mal verleidet ist. Denke, was ich so raushöre, wir fahren bald heim. Ciao, bis - leider - zu nächsten Mal.




Pfotenabdruck
Ghostwriter: Christl Bronnenmeyer

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