Sonntag, 30. August 2009

Haustausch im Test: Ligurien - England (3)

Schlüsselübergabe
Die Schlüssel zu unserem Tauschobjekt in London (siehe "Haustausch (1) und "Haustausch (2)" sind rechtzeitig per Post eingetroffen, zusammen mit letzten Instruktionen. Das Abenteuer kann beginnen. Ein bisschen bang ist uns
nur, weil das Abwassersystem in unserem ligurischen Häuschen durch heftiges Gluckern in den Rohren eine drohende Verstopfung signalisiert.


Der Kühlschrank ist wie gewünscht mit Brot, Eiern, Butter und Milch gefüllt. Auf dem Tisch steht eine Schale Obst, und neben dem Willkommensgruß - mit der Telefonnummer des Installateurs, man weiß ja nie - eine Flasche Wein.

In letzter Minute noch eine Email von unserer Gastgeberin: In ihrer Speisekammer ist der Haupthahn undicht. Das austretende Wasser wird in einer Plastikmülltonne aufgefangen, die der Hausmeister täglich entleert, bis der Installateur kommt.

„No prob", wie der Engländer sagt. London, here we come!

Die Metropole empfängt uns mit Sonnenschein. Erwartungsvoll stecken wir schließlich nach der ersten Bekanntschaft mit dem effizienten Londoner Verkehrssystem den Schlüssel ins Schloss eines schmucken viktorianischen Stadthauses und kommen uns ein bißchen vor wie Einbrecher, die einen Dietrich haben.

In den Privaträumen eines Unbekannten zu leben, daran müssen wir uns wohl erst gewöhnen. In der riesigen Küche im Souterrain, vor deren Fenster die Beine der Passanten vorübereilen, kreatives Chaos. Körbe in allen Größen und Formen stapeln sich in den Ecken und auf dem Geschirrschrank. Aber alles da: Mikrowelle, zwei (!) Backrohre, Geschirrspüler, ein Kühlschrank nur für uns ... Neben der Tür, die über ein paar Stufen hinaus in das hübsche, sympathisch unaufgeräumte Gärtchen führt, ruscheln die mongolischen Springmäuse in ihrem Käfig. Während wir uns umsehen, klingelt es. Der Hausmeister! „Richard" macht sich in der Speisekammer zu schaffen, wo ein stetes Bächlein aus der Wand fließt, wir setzen derweil unsere Inspektion fort.

Im Erdgeschoss gibt es ein Wohnzimmer. Eigentlich sind es zwei, die in einander übergehen, das eine mit den Fenster zur Straße, das andere zum Garten, eine Besonderheit dieses Haustyps. Der Kamin ist Attrappe. Ansonsten fehlt es auch hier an Nichts, TV, DVD, HiFi, zwei bequeme Sofas ... Über insgesamt vier Stockwerke verteilt entdecken wir außerdem zwei komplette Bäder, eine extra Dusche, zwei Schlafzimmer, das Kinderzimmer, ein Studio, ein Arbeitszimmer ... In den neun Tagen, in denen uns dieses Haus ans Herz wachsen sollte, habe ich mich ein ums andere Mal verlaufen.

Die Schlafräume sind hell und freundlich, mit neuem Teppich ausgestattet, wunderschönen Tapeten und schweren Vorhängen, die Betten weiß bezogen, die Bäder gepflegt. Wir richten uns ein.

Die Mäuse bekommen zusätzlich zu Futter und Wasser täglich drei breite Streifen Pappe. Das soll sie davon abhalten, den Käfig durchzunagen und macht einen erstaunlichen Lärm. So wissen wir aber wenigstens, dass sie noch leben. Die Telefonnummer des Tierarztes steht für den Notfall in der Hausanleitung. Ob der auch Hausbesuche macht?

Zwei Tage später eine SMS aus Italien: „No water in the house!" Holy shit!

Wir versprechen, Abhilfe zu schaffen. In der Zwischenzeit haben unsere Gäste aber schon den Installateur angerufen. Der kommt zwei Stunden später, dreht den Haupthahn zum Tank wieder auf, was wir beim Nachfüllen des Filtersalzes vergessen hatten und „Wasser marsch!" Beiderseits des Ärmelkanals große Erleichterung.

Um viele Eindrücke reicher und viele Euro ärmer - wie schaffen es die Leute bloß, in London zu überleben? - fliegen wir nach neun Tagen zurück nach Nizza. Die Schlüssel haben wir einfach durch den Briefschlitz geworfen.

Wie wir unser Haus vorgefunden haben?

Sagen wir es so: Jeder pflegt seinen eigenen Stil der Haushaltsführung und die Toleranzgrenzen sind sehr unterschiedlich. Der Aufbruch erfolgte offenbar in großer Eile, sodass keine Zeit blieb, den Boden zu fegen und das Bad sauber zu machen. Der Kühlschrank ist voll mit angebrochenen Lebensmitteln.

Aber irgendwie sind wir milde gestimmt. Die Gäste haben unser beiden Katzen und den Garten liebevoll versorgt, es ist nichts kaputt gegangen und nichts wirklich verdreckt. Und wir haben in ihrem schönen Haus wunderbare Tage verbracht.

Vielleicht hätten wir die Modalitäten der Endreinigung eindeutiger klären sollen.

Die Tauschpartner bewerten sich bei unserem Anbieter HomeLink abschließend gegenseitig in einem Fragebogen, das Ergebnis wird allerdings nicht veröffentlicht. Erst wenn sich über ein Mitglied Klagen häufen, wird die Organisation aktiv. Die Folgen reichen von Ermahnungen bis zum Ausschluss, was wohl extrem selten vorkommt.

Haustausch ist ein feine Sache, wenn man die Vorbereitungen nicht scheut und die Zeit hat, die eintrudelnden Angebote zu sichten und selbst Anfragen zu verschicken. Auch für ein gut ausgestattetes Haus in begehrter Lage findet man selten auf Anhieb den richtigen Tauschpartner. Voraussetzung ist natürlich, dass man bereit ist, seine privaten Räume fremden Menschen zu öffnen. Im Moment sind wir froh, wieder unsere eigenen vier Wände um uns zu haben. Aber nächstes Jahr, wer weiß? Vielleicht Neuengland?