Freitag, 12. Juni 2009

Haustausch im Test: Ligurien - England (2)

Schlüsselübergabe
Ein Last-Minute-Angebot für einen Haustausch in Paris - zentral, mit einem kleinen Gärtchen - kann uns nicht locken. „Tout Paris" ist im August am Meer und das nicht ohne Grund. Die Seine-Metropole ist bekannt für ihre brütendheißen
Sommer. Eine Mail aus den USA sorgt für einen heftigen, aber nur kurzen Adrenalin-Schub. Ein Häuschen auf der Halbinsel Cape Cod unweit von Boston im Tausch gegen unser bescheidenes Domizil in Ligurien ... Nächstes Jahr vielleicht. Die von der Mühle in Schweden, die uns so gefallen hat, finden zwar unser Haus auch „fantastic", aber leider müssen sie noch warten, bis das
Söhnchen aus dem Gröbsten heraus ist, soll heißen, nicht mehr unkontrolliert über unsere ungesicherten Terrassen purzeln kann.

Dann die Erlösung: C. R. aus Central London, ihres Zeichens Künstlerin, und ihre Tochter, würden sich riesig freuen, mit uns zu tauschen. Die Katzen und unser Gemüse? Kein Problem, im Gegenteil. Wir können es kaum fassen.

Nach der Euphorie folgt eine Woche des Schweigens. Wir wollen nicht aufdringlich sein, aber die Flüge werden nicht billiger. Die zarte Nachfrage liefert Einblicke in ein kompliziertes Patchwork-Geflecht. Der Sohn aus der ersten Ehe von C.´s Partner soll auch mit, doch dessen Mom muss noch Ja sagen. Also wieder warten.

Am Ende geht alles sehr schnell. Innerhalb von zwei Tagen ist der Vertrag-Vordruck, den der Haustausch-Spezialist HomeLink anbietet, elektronisch unterzeichnet, sind die Flüge gebucht. Zu einem Treffen wird es leider nicht kommen, denn unsere Gäste kommen in Genua an, während wir fast zeitgleich von Nizza aus Richtung London abheben.

Zwei mongolische Springmäuse werden plötzlich noch aus dem Hut gezaubert. Sie könnten aber für die Zeit unseres Aufenthalts bei der Großmutter in Pension gehen.

Den Schlüssel werden wir vorab nach London schicken, eine Gebrauchsanweisung fürs Haus sowie Restaurant- und Ausflugstipps finden C. und ihr Anhang auf dem Tisch vor. Wie umgekehrt die Schlüsselübergabe organisiert wird, bleibt noch zu klären.

Manchmal liege ich nachts wach und versuche, unser Haus mit den Augen unserer Gäste zu sehen. Wie sie an der wilden Müllkippe mit den ausrangierten Kühlschränken und aufgeplatzen Sofas vorbei durch die von albanischem Kleingewerbe eroberten Gärten auf unserem nur teilweise befestigten Feldweg in der glühenden Mittagshitze eines Augusttages den Berg hinaufrumpeln. Ob ihnen das Haus nicht doch zu popelig ist, zu heiß, zu ungünstig gelegen, die Strände zu voll und zu teuer, das Meer zu dreckig? Und ob sie die Arbeit mit dem unorthodox im Gelände verteilten Gemüse nicht doch eine Zumutung finden?

Andererseits: Was erwartet uns in London? Ein chaotischer Bohème-Haushalt, dem zusätzlich ein 12-jähriges Girlie seinen Stempel aufdrückt? Strenger Mäusegeruch und das unablässige Rattern eines Laufrads in der Nacht?

Von der Umgebung, in der C. wohnt, konnten wir uns mit Google-Streetview schon mal vorab einen Eindruck verschaffen. Very British.

Wir sehen dem Abenteuer einigermaßen gefasst entgegen.