Mittwoch, 7. Januar 2009

Das Schlagerfestival von Sanremo

Bellissimo, meraviglioso, fantastico, eccezionale, eccellente, caldo, giovane...", das diesjährige Festival von Sanremo wird nichts zu wünschen übrig lassen, davon ist der designierte Moderator Paolo Bolonis überzeugt. Dabei liegt der seit 1951
durchgehend ausgetragene Sängerwettstreit seit Jahren in einer Art Wachkoma. Das Zuschauerinteresse an der 5tägigen Mammut- Veranstaltung sank über die Jahre stetig mit der Qualität der Lieder und Interpreten und den veränderten Seh- und Hörgewohnheiten. Aber Sanremo ohne Festival ist ebenso wenig denkbar, wie Sanremo ohne Casino, ohne Blumencorso oder ohne den Frühjahrs-Radklassiker, der aus Mailand kommend hier endet.

Und so versucht man auch 2009 wieder, das Festival attraktiver zu machen, mit Änderungen im Reglement und prominenten "Paten". Dennoch entschied sich der Sender RAI UNO erst auf den letzten Drücker, die Show aus dem Teatro Ariston auch dieses Jahr wieder zu übertragen und den Patienten noch ein Weilchen am Leben zu erhalten.

Während der 59. Ausgabe der Mutter aller Schlagerfestivals vom 17. bis 21. Februar steht Sanremo Kopf. Jede Badewanne ist vermietet, der Verkehr bricht regelmäßig zusammen und vor dem Ariston warten Trauben von Menschen, um einen Blick auf die Prominenz zu erhaschen, auf die "Paten" Zucchero und Lucio Dalla etwa, oder Oscar-Preisträger Roberto Begnini. Für internationale Superstars reicht das Budget nicht. So bleibt man notgedrungen unter sich.

Dabei hatte das Festival von Sanremo einst weltweite Bedeutung und brachte zahlreiche internationale Stars und Hits hervor, man denke nur an Milva und Bobby Solo, an "Volare" und "Ciao, ciao bambina" von Domenico Mondugno. Louis Armstrong und Cher sangen im Ariston, als in den 60er-Jahren der Wettbewerb Nichtitalienern offen stand. Auch auf die Namen Peter Kraus und Udo Jürgens stößt man in den Annalen.

Schon im Vorfeld des Festivals 2009 herrschte helle Aufregung um einen der Beiträge. Eigentlich hatte das Management des 36-jährigen Sängers Povia höchste Geheimhaltung verordnet, doch der Text von „Luca era gay" (Luca war schwul) kursierte schon Wochen vor dem Festival-Start im Internet. Ein Sturm der Entrüstung ging durch die schwul-lesbische Gemeinde, die Povia der Diffamierung bezichtigt. Die Organisation Arcigay machte umgehend mit einer Unterschriftenaktion gegen den Song Front. Vergeblich. In den Wettbüros gilt Povia, der 2006 schon einmal den Wettbewerb für sich entschied, trotz oder gerade wegen des Skandalsongs als einer der Favoriten, neben Francesco Renga, der 2005 siegte.

Sich dem Spektakel zu entziehen, ist schier unmöglich. Wer nichts mit italienischem Liedgut am Hut hat, dem bleibt während der fünf Festival-Tage nur eines - Sanremo weiträumig zu meiden.