Donnerstag, 26. September 2013

Hose runter

Von Ulli Kappler Was macht frau, wenn sie an einem Sonntag in Imperia dringend eine Spritze braucht, um die Antibiotika-Therapie gegen akute Blinddarmentzündung nicht zu unterbrechen?
Eine Spritze ins Gesäß - intramuskulär. Die fünf Spritzen mitsamt den notwendigen Ampullen für die folgende Woche hatten sie mir am Samstag bei der Entlassung aus dem Krankenhaus mitgegeben. Und, bitte, wer spritzt mir das Zeug? Schulterzucken des Arztes. Ein Freund, eine Freundin? ...
Das "Croce Rossa". Die machen so was. Und hier im Krankenhaus? Leider nein. Im Pronto Soccorso, der Notaufnahme? Na, wo denken Sie hin, Donnerstagnacht waren Sie ein Notfall, jetzt nicht mehr. Zu Hause in Boscomare finden sich gleich zwei versierte Freundinnen, die das schon mehrfach gemacht haben. Sagen sie. Sonntagmorgen zeige ich der ersten die Spritze – um Gottes Willen, so ein Riesending! Nein, das kann ich nicht. Auch die zweite zuckt zurück. Es ist bereits 11 Uhr. Da sollte die nächste Ampulle injiziert werden, wegen des 24-Stunden-Abstandes.
Ich werde langsam nervös, denn nachdem ich die Notoperation strikt abgelehnt habe, will ich mich wenigstens an die antibiotische Therapie halten. Mit entzündetem Blinddarm ist nicht zu spaßen, hat der Arzt gewarnt. Also das Croce Rossa. Drei Telefonnummern finde ich im Internet – aber leider, teilt mir die secreteria telefonica jedesmal mit, ist das Rote Kreuz sonntags geschlossen. Wieso wusste der Arzt das nicht?
Ich rufe ein kleines Krankenhaus in der Nähe an – vielleicht machen die eine Ausnahme. Ja, ich soll nach dem Pfleger Nicola fragen, der würde es ausnahmsweise tun. Eine Freundin fährt mich in den Nachbarort. Nur – das Krankenhaus gibt es gar nicht mehr, aufgelöst, dicht gemacht. Mit wem habe ich da eigentlich gesprochen?
Die rettende Idee hat die Freundin. Sie kennt eine deutsche Ärztin mit Praxis in Imperia. Ihre Telefonnummer hat sie im Handy gespeichert. Juchhu, die deutsche Ärztin geht dran, versteht auch mein Problem – liegt aber leider gerade in einem Liegestuhl am Spiaggia d‘Oro … Moment, sie ruft gleich zurück.
Tatsächlich. Zwei Minuten später der Anruf und die Order: Wir treffen uns in zehn Minuten vor dem Hotel Croce di Malta. Wir sind schon da, als sie, notdürftig den Bikini mit einem Tuch umhüllt, in Flip Flops und eine große Plastikflasche schwenkend, die Straße überquert. Was da drin ist? Na, Alkohol zum Desinfizieren. Auch ein bisschen Watte hat sie sich beim Bademeister am Spiaggia d’Oro organisiert.
Und wo gibt sie mir jetzt die Spritze? Vielleicht zwischen zwei geöffneten Autotüren? Ich gebeugt auf den Beifahrersitz??? Aber nein! Energischen Schrittes marschieren die Flip Flops in die gediegene Empfangshalle. „Sono la dottoressa Q…“ erklärt sie der Empfangsdame und beschreibt kurz ihr Anliegen. Sie möchte die Hoteltoilette aufsuchen, um der Patientin hier eine Spritze zu geben.
Äußerst höflich weist die Dame uns den Weg. Das Wort dottoressa scheint selbst im Bikini in Italien eine enorme Wirkung zu haben. Im Waschraum, nicht abschließbar, vor zwei Toilettentüren, eine weiblich, eine männlich, mischt sie die Ampulle mit dem antibiotischen Pulver und grinst: „Hose runter“.
Das ist so absurd, dass ich unbedingt ein Foto machen muss, bevor sie mir die Spritze gibt. Freundlich nickend verlassen wir danach das Hotel. Und lachen.
Das stelle man sich mal am Timmendorfer Strand vor ...
Italien ist manchmal wirklich anders!