Sonntag, 7. April 2013

Auf Liguriens Straßen

Von Calabrone Wenn ich in der Werbung sehe, was für tolle elektronische Assistenz- systeme in modernen Autos verbaut sind, frage ich mich manchmal, ob mein alter, heißgeliebter Mercedes noch sicher ist. Doch unterwegs mit meiner Frau zeigt sich jedes Mal, dass
solcher Schnickschnack überflüssig ist. Meine Frau ist nämlich nicht nur die die beste aller meiner Ehefrauen, sondern auch die Beste aller Beifahrerinnen.

„Vorsicht, da kommt einer von rechts, es ist rot, da hängt dir fast einer im Kofferraum, Achtung: bremsen, die Handbremse ist angezogen, langsam: Aquaplaning“ …. usw.

Das Kinderlenkrad mit dem Gummisauger lehnt sie ab. Die Steuerbewegung macht sie ohne, so, wie andere Leute Luftgitarre spielen.

Die sonst so Zurückhaltende schreckt auch nicht davor zurück, anderen Verkehrsteilnehmern mal den bösen Finger zu zeigen. Aber komisch, wenn unser Freund G. aus Deutschland zu Besuch ist und uns in seinem Boliden mitnimmt, sitzt meine Frau wort- und bewegungslos im Fond, obwohl G. ständig dicht auffährt, enge, unübersichtliche Kurven mit Vollgas nimmt, oder noch beschleunigt, wenn die nahe Ampel schon rot zeigt.

Die Ligurer selbst sind tolle, erfahrene Autofahrer. Mühelos steuern sie ihre mittlerweile vorwiegend aus deutscher Produktion stammenden Wagen durch die gefährlichsten Kurven, mit einer Hand, die andere hält das unverzichtbare Handy ans Ohr.

Berufskraftfahrer bugsieren gekonnt LKWs oder riesige Betonmischer in Wege, die ich nicht mal als solche erkenne. Frauen parken auch große SUVs mühelos rückwärts ein und ziehen dabei noch an ihrer Zigarette.

Meiner aufmerksamen Beifahrerin ist allerdings aufgefallen, dass die in Deutschland gebauten Fahrzeuge in Italien mit einer Billigausstattung geliefert werden. Blinker und Fahrzeuglicht fehlen, die Hupe aber funktioniert.

Bei schönem Wetter ändert sich die Lage auf der Straße völlig. Dann sind die Zentauren unterwegs, die unzähligen Ligurer, die mit dem Scooter unter dem Hintern auf die Welt gekommen zu sein scheinen .

Schon 14-Jährige zeigen einem dann ihre Fahrkünste, immer am Limit.

An der Ampel reihen Sie sich vorne ein, um von der Poleposition losknattern zu können.

Nicht selten sind die Roller auch mit Mama, Papa und zwei Kleinkindern besetzt, die mit Sonnenschirm und Liegestuhl unterm Arm zum Strand düsen.

Auch deutsche Urlauber scheinen zu glauben, dass die Verkehrsregeln in Italien dafür da sind, missachtet zu werden und verhalten entsprechend unbekümmert. Die Strafen sind saftig. Aber mit einer guten Ausrede kommt man bei Kontrollen manchmal davon.

Wir wurden vor Jahren mal von den Carabinieri angehalten, weil wir im offenen Cabriolet nicht angeschnallt waren, dem Maresciallo konnte ich aber glaubhaft versichern, dass man sich in Deutschland im offenen Sportwagen nicht anschnallen dürfe, weil es besser sei bei einem Überschlag aus dem Auto geschleudert werden.

Italienische Fahrzeuge müssen alle zwei Jahre zum Collaudo (TÜV), das kann man nicht an einer Plakette auf dem Kennzeichen sehen, sondern wird im Fahrzeugschein vermerkt. Fahren ohne TÜV, auch bei einer Überschreitung von nur einem Tag wird teuer und das Auto kann sichergestellt werden.

Nicht wenige deutsche Immobilienbesitzer parken hier in ihrer Abwesenheit den meist in die Jahre gekommenen Zweitwagen, oft sehen wir Gefährte mit deutschen Kennzeichen, die schon viele Jahre keine Prüfstelle mehr gesehen haben. Da fragt man sich unwillkürlich, ob diese Autos überhaupt noch versichert sind. Aber hier wird das ja noch nicht kontrolliert. Ein Deutscher, den ich mal darauf angesprochen habe, meinte, er habe ja eine private Haftpflichtversicherung, die würden das schon richten.

Italienische Wagen haben in einer Tasche innen an der Windschutzscheibe den Versicherungsnachweis, worauf man sich aber nur bedingt verlassen kann.

Ein Versicherungsmakler hat mir schon vor Jahren erzählt, dass viele der Autos eine „Epson-Versicherung“ haben, das heißt der Versicherungsnachweis wurde eigenhändig am Drucker erstellt.