Sonntag, 2. Oktober 2011

Der Fratello

Von Calabrone Wir frühstücken an einen herrlichen Augusttag auf der Terrasse im Obergeschoss und genießen die Stille. Plötzlich ein krachendes Scheppern und ein markerschütternder Schrei vor unserem Haus. Mir bleibt vor Schreck die Brioche im Halse stecken. Um Gottes Willen, was ist passiert? Zusammen mit unseren Hunden, die nicht mehr aufhören zu bellen, rennen wir zum Fenster an der Straßenseite

Unser zweiflügliges, schmiedeeisernes Gartentor liegt mitsamt den aufgemauerten Säulen in der Auffahrt und darauf kopfüber eine Ape. Wir hasten die Treppe herunter, meine Frau kreischt, der ist tot, das überlebt doch keiner. Aus dem geborstenen Fenster zappeln zwei Beine, der Fahrer steckt kopfüber in seiner engen Zelle. Ein Nachbar kommt angerannt, gemeinsam gelingt es uns, den stark blutenden Mann aus den Blechhaufen zu ziehen. Er ist gespickt mit Glasscherben. Ich rufe meiner Frau zu: Ambulanza, Carabinieri.

Das Opfer, offensichtlich wieder einigermaßen bei Sinnen, schreit: „No, no ambulanza, niente carabinieri“. Gemeinsam mit dem Nachbarn wuchten wir das Wrack wieder auf seine drei Räder, befestigen notdürftig die abgerissene Ladefläche auf den Rahmen.

Dem Verletzten gelingt es irgendwie, sich in die ramponierte Kabine zu zwängen. Laut knatternd fährt er die Steigung wieder hoch, die er kurz vorher ungebremst heruntergeschossen war.

Später treffe ich am Unfallort den Sohn des Opfers. Er hatte seinen Vater ins Krankenhaus gebracht, „niente di grave, in ein paar Tagen ist er wieder zu Hause und um den Schaden kümmere ich mich“.

Einige Tage später steht eine von Pflastern und Mullbinden unkenntlich gemachte Gestalt auf dem noch in der Einfahrt liegenden schmiedeeisernen Tor. Sie nimmt mich in die Arme und küsst mich. „Adesso siamo fratelli, mi hai salvato la vita, grazie fratello mio!“ Ich denke, jetzt sind wir sogar Blutsbrüder, sein Blut klebte ja an meinen Armen und meiner Kleidung sowie im Gesicht. Mein neuer Bruder übergibt mir einen Plastikbeutel, „eine gute Flasche Wein, für dich, fratello.

Ich bin gerührt über die Herzlichkeit, eine Träne quetscht sich aus meinem Auge. Er trollt sich, nicht ohne noch mehrmals „grazie fratello“ zu rufen.

Meine Frau, die beste aller Ehefrauen, holt den Wein aus der Tüte. Deutscher Glühwein von Lidl, und das im August!

Die kaputte Ape wird kurze Zeit später auf einen Pritschenwagen zum Schrottplatz gebracht.

Ein Nachbar verrät mir hinter vorgehaltender Hand, „keine Versicherung, kein collaudo (TÜV), also keine ambulanza, keine Polizei, e magari anche troppo vino, verstehst du?

Zufällig steht kürzlich hinter mir an der Kasse bei Lidl das Unfallopfer mit seiner Frau. Wir tauschen ein paar Worte aus und verabschieden uns, ganz normal.

Ich hatte mal einen fratello …