Montag, 28. Februar 2011

Ligurien: Banca della Memoria

Die alte Dame sitzt auf dem Sofa vor der Kamera und erinnert sich ... wie sie in Genua ihren späteren Mann kennenlernte, wie Bordighera bombardiert wurde,  wie die Blumenzucht an der Riviera
Fuß fasste ... große und kleine Fährnisse ihres Lebens. Der aufgezeichnete Clip wird anschließend auf die Bank gebracht, die „Banca della Memoria". Seit ihrer Gründung durch vier junge Turiner im August 2008 haben sich in der internetgestützten Videodatenbank über 5.000 solcher Erinnerungssplitter angesammelt.

Da blickt Elio Gerbaudo, Jahrgang 1938 - locker, mit dem Weinglas in der Hand vor der Schrankwand -  darauf zurück, wie er nach dem Krieg in sein Elternhaus bei Ventimiglia zurückkam, voller Angst: Es ging das Gerücht, die Deutschen hätten die verlassenen Häuser vermint. In der Küche stand das Unkraut kniehoch. Die Mutter schob auf dem Boden ein paar Steine zusammen, entzünde ein Feuer und stellte eine Pfanne darauf. Öl hatte man auch in Notzeiten genug, schließlich wohnte man in Mitten von Olivenbäumen. Die Kinder wurden angewiesen, die Zwiebeln und Innereien zu rühren, damit sie nicht anbrennen. Als die Mutter zurückkam, war die Pfanne leer und die Kindermägen voll ... Darüber kann Elio heute noch lachen. Und wir mit ihm.

Anna Ravazzani, geboren 1935, erzählt, wie das Pesto Genovese traditionell hergestellt wird, festgehalten für die Nachwelt, wenn nicht für die Ewigkeit. Und wie sie, verantwortlich für sieben jüngere Brüder, das Weite suchte, so schnell sie konnte.

Für den, der ein bisschen italienisch spricht, ist die Banca della Memoria eine Fundgrube voll spannender, anrührender, nachdenklicher aber auch sehr witziger Geschichten aus dem wahren Leben Italiens im 20. Jahrhundert.

Inzwischen gibt es weltweit Ableger des Projekts. In Deutschland, Frankreich, Spanien, Venezuela, Japan, den USA ... Weitere Datenbanken sind im Aufbau, sogar in Afrika.

Webcam, Handykamera, Camcorder - nie war es leichter, das Leben in Bild und Ton festzuhalten.  Einzige Vorgabe für die Protagonisten: Sie müssen über 65 sein. Das Durchschnittsalter beträgt 84 Jahre. Mal interviewen die Enkel die Altvorderen, mal rücken freiwillige Mitarbeiter des Projekts mit der Kamera an.

Die meisten Clips werden selbst produziert und einfach auf die Internetplattform memoro.org hochgeladen. Ehrenamtliche Mitarbeiter sichten das Material, versehen es mit Schlagworten, fügen Links hinzu.

Die Bank der Erinnerung finanziert sich ausschließlich aus Spenden und durch Sponsorengelder und ist gemeinnützig.

Doch während das Original wächst und wächst, tut sich "Die Bank der Erinnerungen e.V." in Deutschland schwer, aus den Startlöchern zu kommen. Geduld und Ausdauer sind gefragt. Es sei nicht einfach, "Erzähler zu finden, die bereit sind mitzumachen, sowie Unternehmen, Kommunen und Institutionen für gemeinsame Projekte", sagt Nikolai Schulz, einer der Verantwortlichen. "In Italien sind die Menschen wohl extrovertierter und haben natürlich eine andere Geschichte". So hängt der deutsche memoro-Ableger bisher noch am Spenden-Tropf der Italiener.

Das Projekt verdient unser aller Unterstützung, denn nur wenn wir uns erinnern, können wir nicht vergessen.