Freitag, 5. Februar 2010

Souvenirs: Altlasten aus dem Urlaub

Kiesel am Strand
 Ein Stück Urlaub mit nach Hause zu bringen scheint ein urmenschlicher Drang zu sein, jedenfalls ernährt er einen ganzen Industriezweig. Doch was ist der Mailänder Dom als Miniatur, das T-Shirt mit dem Aufdruck „I gave blood in the Everglades" oder der
Schlüsselanhänger aus St. Petersburg gegen das individuelle Erinnerungsstück?

Auf fast jedem Fensterbrett, im Billy-Regal, in einem Wasserglas,  verstaubten Setzkasten oder Schuhkarton findet man sie: Muscheln, Steine, Filmdöschen mit Sand, getrocknete Sträuße, komisch verdrehte Wurzeln, eine Klapperschlangenhaut, die Scherbe eines Azulejos aus der Alhambra in Granada... Nicht bei jedem Teil lässt sich später noch sagen, wo es aufgelesen wurde. Amrum oder Playa Conchal? Teufelshöhle bei Pottenstein oder doch Grand Canyon?

Aus Feldversuchen weiß man inzwischen zumindest, dass am Urlaubsort genossene Weine sich nördlich des Brenners unweigerlich in Essig verwandeln. Die Gewürzmischung aus Thailand beginnt, in der Schublade vergessen, bald ein bewegtes Eigenleben und die glänzenden Feuerbohnen aus Costa Rica kullern noch Jahre lang in jedem Winkel der Wohnung herum. Sie sollen Glück bringen.

Weil einem die Mitbringsel einmal etwas bedeutet haben, tut man sich schwer, sie einfach in den Müll zu werfen. Und so legt sich über die Altlasten vergangener Reisen und die darin verdichteten Befindlichkeiten bald der Mehltau das Vergessens - und der Staub.

Zu Gebirgen könnte man die Abermillionen von Steinen türmen, die Jahr für Jahr weltweit von Touristen umgeschichtet werden. Ganze Kontinente verschwinden in Koffern. In der Türkei und Thailand ist es inzwischen verboten, Steine außer Landes zu schaffen.

Ist für Ligurien bald Ähnliches zu befürchten? Die glatten, von den Wellen schwarz geleckten Steine am Kieselstrand sind für viele bloße Stolperfallen auf dem Weg ins Wasser, deren Überwindung ohne Badelatschen groteske Verrenkungen hervorruft. Bei genauerem Hinsehen ist jeder einzelne Stein jedoch ein kleines Kunstwerk der Natur, durchzogen von delikaten weißen Linien in unterschiedlicher Breite, deren Gleichmäßigkeit so absichtsvoll erscheint, wie die Nazca-Geoglyphen in der peruanische Wüste.

Also landet einer nach dem anderen in der Badetasche. Auf dem Weg zum Parkplatz begegnet man gegen Abend anderen Strandläufern, ebenfalls unter der Last von Steinen in eine Richtung gebeugt. Bei Hausbesitzern tun die Wackersteine später Dienst als Briefbeschwerer und Türstopper, oder sorgen dafür, dass der Wäscheständer nicht vom Tramontana umgeblasen wird. Im Dunkeln stürzt man gerne über sie, meistens dann, wenn sich die Zehen gerade von der Begegnung mit dem Fuß des Sonnenschirms erholt haben.

Handteller große Kiesel vom ligurischen Strand eignen sich dank ihrer Ebenmäßigkeit wunderbar zur „Decoupage". Wie man hört müssen Adepten dieser aufwändigen, aber völlig zweckfreien Basteltechnik für die bis nach Hamburg gekarrten Steine teuer bezahlen.

Kein Wunder, dass man gegen Ende der Saison an den ligurischen Stränden nur noch langweilige Allerweltssteine findet. Jetzt, nachdem die Sturmfluten des Winters das Unterste nach oben gekehrt haben, lohnt es sich vielleicht wieder, den Blick auf den Boden geheftet den Meeressaum abzulaufen.
 Dabei muss man allerdings aufpassen, dass man nicht über die Künstlerin Carin Grudda stolpert, auch sie immer auf der Suche nach verwertbarem Strandgut.