Mittwoch, 2. September 2009

Spuren - Katherine Mansfield in Ospedaletti

Die Blumenriviera wird ab 1860 beliebtes Reiseziel der Engländer. Auch Katherine Mansfield, die in ihrem kurzen Leben (1888 - 1923) Literaturgeschichte schreiben sollte, verbringt hier einen Winter. Aus
Ospedaletti, wo sie ihre Tuberkulose kuriert, schreibt sie ihrem Mann J. M. Murry:
8. Oktober 1919 - Es ist schrecklich heiß hier - genauso heiß, wie bei unserer Ankunft. Die Insekten sind einfach furchtbar. Gut, dass Du abgereist bist, bevor sie wirklich schlimm wurden. Mein Bein ist so geschwollen, dass ich heute nur hüpfen kann.  Es ist zum Verrücktwerden, denn ansonsten fühle ich mich gut und stark. Zum Teufel mit diesen verfluchten Länder! Wir haben doppelte Netze, Puder, nehmen Verbenenbäder, Haferpulver, Milch, Salzwasser ... aber nichts hilft dagegen. Ich finde, sie machen schon den Gedanken daran, in diesem Land leben zu wollen, absolut unerträglich ...

Werke von Katherine Mansfield

  • In a German Pension (13 Kurzgeschichten, 1911) - In einer deutschen Pension
  • Bliss (Kurzgeschichten, 1920) - Seligkeit und andere Erzählungen, Glück
  • The Garden Party and other short stories (15 Kurzgeschichten, 1922) - Das Gartenfest und andere Erzählungen
  • The Doves' Nest (Kurzgeschichten, 1923) - Das Taubennest
  • Something Childish (Kurzgeschichten, 1924) - Etwas Kindliches, aber sehr Natürliches

Aus dem Nachlass

  • Journal (posthum) - Tagebuch 1904 - 1922
  • Briefe (ab 1984)
  • Eine Ehe in Briefen
  • Das Leben sollte sein wie ein stetiges, sichtbares Licht (Briefe, Tagebücher, Kritiken) (Fischer 1983)
  • The Critical Writings of Katherine Mansfield (1987)
  • The Katherine Mansfield Notebooks (Notizen, Entwürfe, Privates) - Margaret Scott (Hrsg.) (2001)

Zusammenstellungen

  • Dein großes Herz (Ausgewählte Erzählungen, Fischer 1959)
  • Ausgewählte Werke (2 Bände, Insel 1981)
  • Sämtliche Erzählungen (mit einem Essay von Elisabeth Schnack) (Kiepenheuer & Witsch 1980, Fischer 1988, 1997, Btb 2003)
  • Sämtliche Werke, herausgegeben und mit einem Nachwort von Heiko Arntz (Haffmans Verlag bei Zweitausendeins 2009)
Ich nahm heute den Revolver mit in den Garten und habe damit geübt: Wie man ihn lädt, entlädt, wie man schießt. Er jagt mit Angst ein, aber ich fühle mich wie neu geboren, seit ich ihn handhaben kann und verstehe ... Fast verstehe ich jetzt den alten Bronte. Es gibt keinen Kaffee mehr in Sanremo zu kaufen. Die Regierung hat ihn eingezogen, ebenso wie den Reis. Wer weiß, wann es wieder welchen gibt . . . Bitte schicke mir ein paar Bücher zum Rezensieren. Ich habe keine mehr für nächste Woche.

12. Oktober 1919 - Ich sitze im Korbstuhl, mit einer Decke über den Beinen, denn obwohl es in der Sonne heiß ist, ist die Luft kühl (es ist 16.45 Uhr). Heute war ein fabelhafter Tag. Ich habe mich nicht von der Stelle gerührt, außer zu den Mahlzeiten. Ich habe geschrieben und gelesen und nach dem Lunch bin ich ob dieser allgemeinen Schiffsdeck-Atmosphäre eingeschlafen.

Da wir von Schiffen sprechen, so ein Juwel von einem Segelboot fuhr heute am Haus vorbei, so nah, dass man die Männer an Bord sehen konnte. Es hatte zwei Segel am Bug, zwei am Heck, ein Großsegel und eines - sehr beweglich - Mittschiffs. Das Meer ist mein Liebstes, leuchtend, leuchtend blau, mit einer Ahnung von Weiß... Dieses bißchen Weiß, so weit entfernt am Horizont, rührt mich schrecklich. Es ist in der Tat genau das, was ich beim Schreiben ausdrücken will, es hat genau diese Qualität. Gerade kommt ein anderes höchst interessantes kleines Dampfschiff herein - sieht aus wie ein ganz kleiner Frachter, schwarz und rot gestrichen. Aus seinem Schornstein steigt eine geradezu lächerliche Menge Rauch (Zeichnung eines Dampfers). Nein. Ich kann es nicht zeichnen.

Es gab eine häßliche Auseinandersetzung letzte Nacht. Weil es letzte Woche kein Wasser gab, wurde die Wäsche außer Haus gegeben und kam exquisit zurück, bedeckt von einem weißen Netz. Die süße Alte, die sie brachte, schloss mich gleich in ihr Herz und ich sie. Eine lange Unterhaltung: „Comme vous etes bien ici" etc. ... Und dann eine Rechnung über 36.85 !! ... L.M. (Leslie Moore alias Ida Baker, Anm. d. Red.) fand sie „gar nicht so teuer. Ich glaube, du durftest nicht weniger erwarten, Katie". Der Overall 4.50 und ein enormer weißer Petticoat 3.75! Was die Servietten für 1 Lira das Stück angelangt: „Nun, meine Liebe, das sind nicht mal Sixpence, wenn die Umtauschrate noch 41 zu 1 Pfund ist. Das sind ungefähr ... mal sehen ... fünf Pence", und so weiter. 

Wie ich sie prügeln würde, wäre ich mit ihr verheiratet! Sie glaubt, ich bestünde aus Geld. Auf ihrer ersten und einzigen Reise nach Sanremo kaufte sie ein Hecto Kaffee für 4.50 in „so einem witzigen kleinen Laden" und als ich protestierte, meinte sie „das Paket war für das Geld ziemlich klein, aber die Bohnen fühlten sich an, als wären sie dicht gepackt". Nicht zu fassen. Aber - lassen wir das. Ich werde sie trotzdem nicht erschießen, aber nur weil es so schwierig wäre, ihre Leiche los zu werden. Man könnte sie nicht zu einem netten Paket schnüren oder unter der Feuerstelle begraben und brennen würde sie bestimmt nicht.

Eigentlich war Katherine Mansfield Neuseeländerin, geboren 1888 in Wellington als Kathleen Mansfield Beauchamp.

1908 kommt sie nach London, entschlossen, Schriftstellerin zu werden. Sie findet schnell Zugang zu Künstlerkreisen, veröffentlicht aber wenig. Schwanger von einem anderen, heiratet sie Hals über Kopf den Gesangslehrer George Bowden und verlässt ihn noch am Hochzeitstag. Die schockierte Mutter schickt die Tochter auf den Kontinent, nach Bad Wörishofen, wo Katherine eine Fehlgeburt erleidet.

Dieser seitlichen Arabeske verdanken wir die köstlichen, aber nicht sehr schmeichelhaften Beobachtungen „In einer deutschen Pension", mit denen Katherine Mansfield 1911 auf sich aufmerksam macht.

Im selben Jahr trifft die junge Schriftstellerin den Kritiker John Middleton Murry, der ihr zweiter Mann wird. Für sein Journal „Athenaeum" schreibt sie im Lauf der Jahre über 100 Rezensionen. Aber es bleibt eine schwierige Beziehung, auch deshalb, weil Katherine Mansfield auch Frauen zugeneigt ist.
1919, von Murray schon getrennt, mietet sie sich mit Ida Baker - „Getreue", „Fels" und Sklavin" seit dem Queen´s College 1903 -  in der Casetta Deerholm in Ospedaletti ein, eine Vier-Zimmer-Villa mit grandiosem Meerblick. Vom September 1919 bis Januar 1920 leben die beiden dort. Nach dem Zweiten Weltkrieg wird das Haus umgebaut und ist heute die „Villa Paradiso".

Ospedaletti, das war für die Schriftstellerin „ein bezauberndes kleines Dorf, mit Rosen herausgeputzt, der schönste Winkel der Welt". Sie dachte gerne daran zurück, in ihren schweren Stunden.
Mit nur 34 stirbt Katherine Mansfield, deren Werk zunächst als „marginal" abgetan wurde und erst in den 1980er-Jahren eine neue Einordnung erfuhr. Wegen ihrer „Kürze" ist Mansfield beliebte Schullektüre.

Der Ehemann gab posthum eine große Anzahl von Katherine Mansfields Erzählungen, ihre Tagebuchnotizen und ihre Briefe heraus. Auf ihren Grabstein in Fontainebleau ließ er unter ihren Namen einmeißeln: »Frau des John Middleton Murry«.