Mittwoch, 25. März 2009

Aperitivo: Dämmerschoppen war gestern

Den meisten der Generation 50plus  ist der „Aperitivo" erstmals in Form eines Campari Soda, begleitet von Erdnüssen, unter gekommen. Geschmeckt hat er nicht, das kam später, aber er war so schön rot und man konnte sich ein bißchen gruseln
bei dem Gedanken an die Schildläuse, die dafür ihr Lebenließen. Heute wird die Farbe synthetisch hergestellt und der Campari gilt als eher langweilig, zumindest als Getränk. Aber die Campari-Soda-Fläschchen im 30er-Jahre-Look bündelt man gerne mal zu dekorativen Lampenschirmen

Das appetitanregende Getränk, erstmals 1860 in Novarra ausgeschenkt, erfreute sich vor allem in Mailand rasch großer Beliebtheit. Dort wurde dann auch der Aperitivo in seiner heutigen Form erfunden, heißt es.

Doch nicht nur in Mailand, auch in Turin und besonders in Genua ist der Aperitivo seit langem fester Bestandteil des Tagesablaufs. Man steht nach der Arbeit noch mit Kollegen zusammen, oder trifft sich mit Freunden, das Glas in der einen Hand, die andere frei für den Griff nach den Häppchen, die den Aperitivo erst zu dem machen, was er ist, ein Lifestyle-Produkt.

Nüsse, Chips, kleine Focaccia-Stückchen und Taggiasca-Oliven sind das Mindeste, was man erwarten kann, wenn man in den frühen Abendstunden in einer Bar, einem Szenetreff, Café  oder einer antiken Osteria ein alkoholisches Getränk bestellt, egal ob Wein, Aperol, Bellini, einen Cocktail oder den „apertitivo della casa", die Eigencreation des Hauses.

Oft kommt der Aperitivo aber auch in abwechslungsreicherer Form und in überbordender Fülle am Tisch oder an der Bar an: Sardellen und sonnengetrocknete Tomaten, gegrilltes Gemüse, Stückchen von Frittata und herzhaften Torten, Lachs Kanapees, gegrilltes Fleisch, frittierter Fisch, Wurstspezialitäten, Käseecken, oder gar Tintenfisch mit Petersilie und Öl ersetzen schier das Abendessen.

In den landwirtschaftlichen Regionen Italiens ist der Aperitif in dieser Form ebenso wenig Usus, wie südlich von Rom und nördlich der Alpen. In diesen Regionen beginnt sich der Brauch erst langsam zu etablieren.

Der deutsche Dämmerschoppen hat mit dem italienischen Aperitivo außer der frühen Abendstunde nichts gemeinsam. Schon der Name lässt jegliche Leichtigkeit vermissen und weckt dumpfe Assoziationen von Römerglas und Vereinslokal.

Während in Deutschland der "Sundowner", wie der Amerikaner sagt, sich gerne mal bis Ultimo verlängert, belassen es die Italiener oft bei einem Getränk und ziehen dann weiter zum Essen. Wenn es auf 20.00 Uhr zugeht, zerstreuen sich die Gäste. In den Großstädten sieht es freilich anders aus. Da ist der Aperitivo für die Szenegänger eine preiswerte Alternative zum Abendessen: Eat all you can am Buffet für den Preis eines Cocktails.

„Stuzzichini" heißt übrigens das Zauberwort, wenn man Happen bestellen will.