Mittwoch, 22. Oktober 2008

Wiederentdeckung des ligurischen Hinterlandes

Chiusavecchia wächst wieder
Nach Jahrzehnten der Landflucht erwacht das Hinterland Imperias aus seinem Dornröschenschlaf und verzeichnet wieder ein Bevölkerungswachstum: Chiusavecchia (9%), Vessalico (7%), Terzorio (6%), Baiardo (5,5%), Ranzo (5%), Airole (5,3%), Montegrosso (4%)


Vor Smog und  Verkehrschaos und vor den hohen Mieten fliehen die Menschen aus den Küstenstädten vermehrt in die Bergdörfer, die ihre Großeltern oder Eltern einst verlassen hatten, auf der Suche nach Arbeit und Wohlstand. Geisterdörfer entstanden, die dem Verfall anheim gegeben waren, die Türen und Fenster vernagelt. In den späten 60er-Jahren verfielen die ersten Deutschen dem Charme der verlassenen Rustici und fingen an, sie zu restaurieren und auszubauen. Ohne Zweifel wäre ohne diese „Entwicklungshilfe" heute manches Bergdorf von der Landkarte verschwunden.

Jetzt hat plötzlich Omas altes Häuschen auch für die Enkel wieder einen Wert. Auf die ganze Region Imperia umgerechnet nimmt sich der Zuzug ins Hinterland mit einem Prozent allerdings noch recht bescheiden aus. Er ist zudem nicht nur den zurück kehrenden Italienern zu verdanken, sondern auch den Migranten, die in den oft einfachen und daher preiswerten Steinhäusern im Hinterland eine erste Bleibe finden. Die 9% Bevölkerungswachstum in Chiusavecchia dürften zum großen Teil dieser Bevölkerungsgruppe zuzuordnen sein. Die meisten von den Neuankömmlingen sind Bauarbeiter. Ist der Tunnel an der SS 28 Richtung Pieve di Teco einmal fertig, wird die Karawane weiter ziehen. Ob es danach in Chiusavecchia noch zwei Restaurants geben wird, ist fraglich.

Einige Gemeinden der Region Imperia verlieren aber gegen den Trend weiterhin Einwohner. So leben in den am weitesten von der Küste entfernten und am höchsten gelegenen Dörfern des Arroscia-Tals, Cosia und Aquila d`Arroscia, heute 4% weniger Menschen, als noch 2006. Die, die geblieben sind, sind alt. In dem 450-Seelen-Dorf Borghetto d`Arroscia etwa kommt auf zehn Alte ein Jugendlicher unter 14 Jahren. Nicht viel anders sieht es in Carpasio, Montegrosso, Mendatica, Rezzo, Molini di Triora und Armo aus. Besonders jetzt, da sich die Wolken in den Kirchturmspitzen verfangen und in der feuchtkalten Luft beißender Rauch  hängt, sind diese Bergnester auch tagsüber wie tot.

Man kann nur hoffen, dass sich der beschriebene Trend auch dort bald niederschlägt und auch außerhalb der Urlaubszeit wieder Leben einkehrt in die „piccole paese" im Hinterland.