Dienstag, 15. Juli 2008

Postkarten damals und heute

Die erste Postkarte meines Lebens habe ich aufgehoben, in dieser großen Kiste im Keller, die ich immer mal hierhin mal dorthin hieve, um an Langlaufski, Koffer, oder Autodachständer zu kommen. Sie enthält Briefe, kleine Erinnerungsstücke und eben jene
erste an mich gerichtete Post. "Gruß aus Furth im Wald" steht vorne drauf, in Rot quer über ein unscharfes Bild mit viel grüner Landschaft und hinten, in einer runden, exakten Mädchenschrift: "Herzliche Grüße sendet Dir Deine Irmi", "Deine Irmi" zweimal mit dem Lineal unterstrichen.

Um eine Postkarte zu verschicken, musste man fort fahren, kein Mensch wäre auf die Idee gekommen, von zu Hause aus eine zu schreiben. "Furth im Wald" war nicht die Welt, aber immerhin. Mit den Jahren wurde der Radius größer, Karten kamen aus exotischen Orten wie Lignano Sabbia d`Oro an der Adria (das g wurde von mir tapfer mitgesprochen) und zeigten viele Menschen am Strand, weiße Hochhäuser und in der Ferne struppige Bäume, die Pinien hießen. Italien musste wunderbar sein! Ich selbst schrieb natürlich irgendwann auch Postkarten, an die Mutter etwa, Beruhigendes vor allem: gut angekommen (per Anhalter), schönes Wetter (die Nacht zum Tag gemacht), das Zimmer in der römischen Pension (das ich mit... teilte) sauber ... Am untersten Rand stand noch "Grüße auch von Regina" (das Alibi).

In Zeiten von SMS und MMS hat die Ansichtskarte an Bedeutung verloren. Aber es gibt sie noch, wenn auch in veränderter Form. Beim gefährlichen Versuch, in Borgo Marina die Straße zu überqueren, blieb mein Blick neulich auf einem Kartenständer hängen: Katzenkinder, Delfine, Stadtansichten, ein paar barbusige Schönheiten, eine eher langweilige Auswahl. Aus Diano Marina kenne ich echt schräge, abgefahrene Motive, abenteuerliche Designs, sexistische Absonderlichkeiten. Sie finden offenbar ihre Liebhaber.

Das Kultur- und Freizeitmagazin mentelocale.it prämiert seit einigen Jahren die scheußlichsten Produktionen aus aller Welt. Das Überangebot an Postkarten in den touristischen Hochburgen kontrastiert heftig mit der Unterversorgung im Hinterland. In den kleinen Dörfern herrscht vierlerorts Ödnis. Zwei Motive müssen reichen, ohne die vor 15 Jahren begangenen Bausünden fast schon historische Ansichten. Von der Sonne gebleicht und in Wellen gelegt, führen die Karten ein Dornröschendasein.

Die Postkarte ein alter Hut? Nicht, wenn man die Schreibunterlage selbst variiert. Aus Finnland ist schon mal ein Stück beschriebene und frankierte Birkenrinde beim Adressaten angekommen. Wie wär´s also mit einem Blatt Lasagne aus Italien? Einen Versuch wäre es wert.