Freitag, 4. Juli 2008

Ein Cockerspaniel erlebt Ligurien (1)

Cocker mit Dackelblick4. Juli Mir schwant Schreckliches. Hat doch Frauchen eben zu mir gesagt: Ab morgen musst du wieder italienisch bellen. Das kann nur eines bedeuten: dass wieder Ligurien auf dem Programm steht. Also ganz ehrlich: Ich als Cocker finde diesen Landstrich ziemlich beschissen. Jede Menge Disteln, Kletten und Brombeerranken, die sich in mein Fell hängen. Dazu diese
holperigen pfotenstrapazierenden Mulatieren, wo wir doch hier so wunderbar moosige Waldwege haben. Ganz zu schweigen von den renitenten italienischen Katzen, die voll auf Konfrontation gehen, anstatt sich jagen zu lassen. Ich weiß wirklich nicht, was meine Menschen so toll an Ligurien finden. Ginge es nach mir, ich würde viel lieber zu Hause bleiben. Habe vorsichtshalber mal eine mittelschwere Depression genommen. Leider merkt Frauchen das gar nicht, weil sie zu sehr mit Koffer- und Hundetasche-Packen beschäftigt ist.

Der Strand von Porto Maurizio5. Juli Bin heute morgen extra schleppend Gassi gegangen und habe sogar eine Pfote nachgezogen. Genützt hat es nichts. Wurde auf den Rücksitz im Auto verfrachtet und durch halb Europa gekarrt. Damit wir uns nicht falsch verstehen: Natürlich nehme ich jede Strapaze in Kauf, wenn Frauchen mich mit in den Urlaub nimmt und nicht bei fremden Leuten abgibt - aber dieses Italien ist von Anfang an eine reine Nervenkiste. Am besten nicht daran denken und den toten Hund spielen. Habe dann doch mal widerwillig ein Auge aus dem Seitenfenster riskiert, als meine Menschen nach geschätzten acht (und gefühlten 30) Stunden Fahrt "Das Meer, das Meer" jubiliert haben. Um ihnen einen Gefallen zu tun, habe ich ein paar Mal gebellt - auf italienisch, versteht sich.

Eine Katze nimmt Reißaus6. Juli Jetzt geht das wieder los. Anstatt wie zu Hause auf meiner grünen Hundewiese herumtollen zu dürfen, werde ich jeden Morgen von Bellissimi den Berg hinunter nach Dolcedo gescheucht. Das macht mich fertig. Frauchen und ihre Freundin Carola, meine Ersatz-Mama, haben ja keine Ahnung, wie mich das psychisch mitnimmt. Ein Spießrutenlaufen. Erst muss an mehreren Bellissimi-Schmuddelkatzen vorbei, die mir ihre Verachtung bekunden. Dann keift von Nachbars Balkon eine italienische Pekinesen-Zicke. Die kann ich ja noch ignorieren. Aber dann: Am Ortsausgang lauert regelmäßig dieser Stronzo von Schäferhund. Der meint, die Gasse gehört ihm. Muss mich jedes Mal ganz fürchterlich aufpumpen, bis er mich passieren lässt. Einen netten Kumpel habe ich allerdings auch auf der Strecke. Einen Border-Collie namens Janosch. Der wohnt genau in der Kehre, wo der Weg am steilsten abfällt. Wenn er mich kommen riecht, jagt er aus seinem Garten bis zur offenen Einfahrt, immer mit einem Ball im Maul. Ich scharre dann ganz fürchterlich mit den Hinterpfoten, dass den zwei kreischenden Frauen Erde und Steine nur so um die Ohren fliegen. Das will der Janosch mir natürlich nachmachen und lässt vor lauter Eifer den Ball aus dem Maul fallen. Und der rollt schnurstracks den Berg hinunter und verschwindet im Distel-Gestrüpp. Mal schauen, wie lang sein Vorrat noch reicht.

Rambo gut beschirmt am Strand9. Juli Öder Tag. Waren am Meer. Frauchen hat auf der Mole für mich einen gelben Sonnenschirm aufgebaut und gesagt, ich müsse ganz brav sein. Sonst regen sich die Italiener auf und wir müssen hier verschwinden. Habe ihr dann den Gefallen getan und stundenlang so vor mich hingedöst. Frauchen und Carola haben mich zwar aufgefordert, mit ihnen ins Wasser zu gehen. Aber ohne mich. Mit dem Meer stehe ich auf Kriegsfuß. Es schmeckt schlimm nach Salz, kratzt in meinen Augen und hat mich schon als Welpe arglistig getäuscht. Da hat mich beim Baden eine Welle gepackt und wieder auf den Strand geschmissen. Dort lag ich dann wie ein Maikäfer auf dem Rücken und wusste nicht wie mir geschehen war. Oberpeinlich. Etwas Erfreuliches gab es dann heute doch noch. Die nette Signorina vom Badetuch nebenan, hat nämlich, als sie ging, „Ciao Bello" gesagt. Habe ihr dafür meinen hingebungsvollsten Cockerblick geschenkt.

Rambo langweilt sich12. Juli Gestern war die Mole überfüllt. Deshalb sind wir an den Schmutzstrand ganz hinten bei den Felsen ausgewichen. Frauchen und Carola haben sich furchtbar geekelt. Aber ich fand's gar nicht so schlimm, weil es viel aufzustöbern gab. Vermoderte alte Schuhe, leere Thunfischbüchsen, die köstlich rochen, einen halbverwesten Fisch, in dem ich mich wälzen konnte, und - die Krönung von allem - einige Hühnerknochen. Lecker! Leider sind sie mir gar nicht bekommen. Nachts habe ich gemerkt, dass ich kotzen muss. Habe dann Frauchen so lange mit der Pfote ins Gesicht gehauen, bis sie aufgewacht und mit mir auf die Gasse gegangen ist. Die Kotzerei war ziemlich schnell erledigt, aber weil's so schön kühl war und ich Frauchen endlich mal für mich alleine hatte, habe ich noch etliche Würgegeräusche produziert und Frauchen an der Leine kreuz und quer durchs Dorf gezogen. Nach einer halben Stunde tat sie mir dann doch leid und ich habe sie wieder ins Bett gelassen.

Aperitivo ist Rambo ätzend13. Juli Heute abend waren wir chic essen. Am Hafen in Oneglia. Meine Menschen haben kräftig gebechert und sind immer lustiger und der Abend immer länger geworden - für mich voll frustig. Frauchen war wohl ziemlich beschwipst. Denn sie hat gar nicht mehr reagiert, als ich sie angestupst und zum Gehen aufgefordert habe. Habe dann zum letzten Mittel gegriffen und kräftig gefurzt. Das kann ich ziemlich gut und ziemlich ausdauernd. Irgendwann wurde es Frauchen peinlich. Offenbar hat der Hund Blähungen (was ist das?), hat sie gesagt, und hat mich auf die Promenade zum Leuchtturm gezerrt. Da wurde er dann richtig lustig, weil ich einen Klasse-Kumpel getroffen habe. Der hieß zwar Willi, ist aber Italiener, einer von der netten Sorte. Haben dann bis zum Leuchtturm ein paar Hundemädels angemacht und ein Wettpinkeln veranstaltet. Ich konnte ein Mal mehr.

Marktstand mit lauter BHs15. Juli Weiß Frauchen eigentlich, was sie meiner Cocker-Loyalität da abverlangt? Heute sind wir mit der Bahn zum Markt nach Ventimiglia gereist. Am Anfang ließ das ja noch gut an. Ich bekam ein Billett als "piccolo animale" und habe mich im Abteil auch ganz piccolo gemacht, dass wir keine Nachgebühr bezahlen mussten. Aber nach dem Aussteigen ging der Horror an. Und wie! Ein Dschungel aus Menschenbeinen, dicken, dünnen, mit und ohne Haare, weiße, braune, schwarze. Mir wurde ganz wirr im Kopf. Frauchen und Carola waren aber so mit Gucken beschäftigt, dass sie auf mich gar keine Rücksicht nahmen. Habe dann eine kräftige Schneise in die Beinflut geschlagen, indem ich Frauen quer durch die Standgassen gezerrt habe, so dass sie mit einigen Leuten zusammengerumpelt ist. Scusi, hat sie ständig gesagt, scusi, und dass der cane ihr noch die Schulter auskugelt. Aufgehört mit dem Marktquatsch hat sie trotzdem nicht. Doch ein schlechtes Gewissen habe ich ihr schon gemacht. Denn anschließend hat sie in der Osteria eine dicke Scheibe prosciutto cotto „für den Hund" bestellt. Ich wusste zwar nicht, was das ist, aber geschmeckt hat's köstlich. Wie gekochter Schinken.

Rambo wartet schom am Auto16. Juli In Dolcedo kenn´ ich mich von den Morgentouren her jetzt schon ganz gut aus. Denn wenn meine Menschen auf der Piazza ihren Capo trinken, habe ich viel Zeit, an den Pinkelecken die neuesten Nachrichten zu studieren. Heute hatte ich Entdeckerglück. In den Mauernischen im Kirchhof lag jede Menge Katzenfutter. Das habe ich mit der Pfote herausgekratzt und ratzfatz aufgefressen. Geschmeckt hat es nicht besonders, aber die Katzen haben sich höllisch geärgert. Das war den Spaß wert.

Rambo auf dem Parkplatz18. Juli Heute ist Hektik ausgebrochen. Die Frauen haben im Haus wie wild geputzt und geschrubbt und im Garten alle Stühle zusammengestellt. Eigentlich kann das nur bedeuten, dass wir morgen nach Hause fahren. Gottlob, dieses Mal wäre Ligurien überstanden - bis zum nächsten Urlaub.


Ghostwriter: Christl Bronnenmeyer