Donnerstag, 29. Mai 2008

Die Blumenriviera vor 30 Jahren

Erinnerungen von Ingrid und Alexander Neuger
Was macht eine Familie in den Schulferien nach gerade vollendetem Hausbau: wenig Geld, zwei Kinder, ein großer Hund und heftige
Sehnsucht nach Italien? Der Himmel war uns wohl gesonnen. In Gestalt eines Bekannten schickte er uns die Lösung: ein Rustico an der Blumenriviera nannte der freundliche Mann sein eigen und wir sollten dort die Ferien verbringen dürfen. Porto Maurizio, Dolcedo, Belissimi: die Namen klangen wie Musik. Und alle Warnungen, dass das Haus eigentlich nicht bewohnbar sei, schlugen wir in den Wind.


Mit dem letzten Stück Autobahn und dem ersten Blick aufs Meer waren Reisestress und Müdigkeit verschwunden und eine erwartungsvolle Spannung ergriff uns. Der Blick auf die Altstadt von Porto Maurizio mit ihrem mächtigen Dom war schon Verheißung. Ohne Mühe fanden wir den Weg nach Belissimi, zuletzt über ein paar „Faschen" entlang der Trockenmauern und vor uns lag „unser Traum". Ein Steinwürfel mitten in einem Olivenhain, umwuchert von hüfthohem Gras: hier wollten wir uns niederlassen. Schnell war klar, dass wir das Rustico nicht allein bewohnen würden, Siebenschläfer hatten reichlich Spuren hinterlassen., Spinnen, Skorpione, Wespen belebten den kleinen Raum. So wurde die Terrasse, von Wein beschattet, zum Aufenthaltsort auserkoren, der Zwei-Flammen-Herd aufgestellt. Hier sollte gekocht, gegessen, gespielt, gelesen - kurz - hier sollten die Ferien genossen werden.

Mein Mann hatte schnell eine Sense aufgetrieben und Platz für die Zelte frei gemacht. Glücklich und müde krochen wir in unsere Schlafsäcke. Am nächsten Morgen nichts wie ans Meer, sul mare! Im Borgo Marina von Porto Maurizio, wo sich zwei große Strände aneinander reihen - die „bagni", mit Liegestuhl - und Sonnenschirmvermietung weit weg - fanden wir an einer Mauer unter einem kleinen Schattenbaum „unseren" Platz. Hinter uns die Bahnlinie, vor uns das Meer. Das Klingeln der Glocke am Bahnübergang brachte uns zwar um den ersehnten Strandschlaf, doch die Kinder waren begeistert; das Salzwasser, die Wellen - die Mückenstiche der Nacht waren vergessen. Uns Eltern versöhnten später Kaffee und Campari bei „D`Anna" an der Brücke in Dolcedo und die Kinder erfreuten sich an den großzügig bemessenen Beilagen. „D`Anna" blieb für uns lange Lieblingsbar und Anlaufstation, auch während der vielen Urlaube in den folgenden Jahren.

Mein Mann schloss rasch Freundschaft mit unseren Nachbarn, Signor Lupi und Signore Oregno, und ließ sich bei ihnen gerne während der Siesta nieder. Die Kinder machten sich derweil davon, die Umgebung des Dorfes zu erforschen. Eine wunderbare Gelegenheit für mich, meinen Stapel mitgebrachter Bücher durchzusehen und mich zum ungestörten Lesen an ein schattiges Plätzchen zurück zu ziehen.

Mittagsruhe der Eltern. Der Augenblick für mich und meine Schwester - Czaba, unser ungarischer Hirtenhund immer dabei - auf Entdeckungstour durch die Olivenhaine und Weingärten zu gehen. Auf alten Pfaden, die früher die Dörfer miteinander verbanden, bahnten wir uns den Weg durch hohes Gras und Gestrüpp. Wir hatten das Gefühl, seit langer Zeit die ersten Menschen zu sein, die hier unterwegs sind. Wir mussten uns durchs Brombeer-Dickicht schlagen, Trockenmauern hinauf und hinunter klettern, holten uns Kratzer und Schrammen. Beim Sammeln von Brombeeren und Feigen erweiterte sich der Radius unserer Streifzüge immer mehr und unversehens landeten wir eines Tages in Dolcedo. Eisessen und Flipperspielen in der Bar von Tunú, nur wir Kinder - ein erhebendes Gefühl!

In Lecchiore erinnere ich mich an ein Ehepaar, das sich immer auffallend laut auf Italienisch unterhielt. Dabei sahen die beiden eigentlich nicht wie Einheimische aus. Und dann hörten wir doch tatsächlich - sie hatten uns nicht gesehen - deutsche Sätze. Prustend und kichernd gingen wir an ihnen vorbei und ernteten böse Blicke. Nicht weit von Lecchiore entdeckten wir am Bach die Kapelle „Madonna Acquasanta" und noch eine Stückchen weiter eine wunderschöne Gumpe. Nachmittags sich aufs Rad zu schwingen, dorthin zu radeln und ins kalte Wasser zu springen, gehört zu meinen schönsten Ferienerlebnissen in Ligurien.

Und dann eine aufregende Wanderung mit dem Vater zum Monte Faudo. Der Bergrücken und die westliche Seite des Kammes standen in Flammen. Der Kastanien- und Eichenwald bot einen schrecklichen Anblick. Hitze und Brandgeruch drangen bis zu uns. Wir mussten umkehren. Nur mühsam fanden wir einen Weg zurück. Die Hitze setzte uns zu, die Brombeerdornen hinterließen brennende Spuren, der Rauch biss in den Augen. Nur Czaba sprang leichtfüßig die Mauern hinunter. Er spornte uns immer wieder an, den Heimweg zu schaffen, obwohl wir schon halb gebraten waren. Unterwegs, um bei der Polizei eine Vermisstenmeldung aufzugeben, begegneten meiner Mutter zwei „Mohren" und die Erleichterung war groß, als sie uns erkannte. Eine Limo und eine Dusche aus dem Gartenschlauch brachten die Welt wieder in Ordnung.

Strandtage, Wanderungen, Ausflüge zu den Gumpen, das macht hungrig. Die Versorgung unserer kleinen Truppe verlangte mir einige Anstrengungen ab. Wichtigste Anlaufstelle für uns Selbstversorger war der Supermarkt in Porto Maurizio. Heute Conad, damals ein grauer Industriebau, ausgestattet mit ebenso grauen Regalen und Kisten, Kisten, Kisten. Nicht gerade sehr einladend, dafür gut für unsere Haushaltskasse. Doch die richtige Pasta, den spezielle Schinken, die bevorzugte Weinmarke hatten wir schnell entdeckt. Ein Genuss war es über den Markt von Porto Maurizio zu schlendern. Das alteingesessene Feinkostgeschäft in der Via Cascione hatte es mir besonders angetan. Hier gab es „vitello tonnato" und gegrillte Hähnchen - nach einem Tag am „mare" eine willkommene Abwechslung im Speiseplan und dazu auch noch ohne viel Aufwand auf den Tisch zu bringen.

In der ersten Septemberwoche wurde in Lecchiore das Kirchfest gefeiert. Das ganze Dorf war auf den Beinen. In allen Häusern wurde gekocht, gebraten, gebacken. Am Abend drängten sich die Besucher vor den Ständen der Hausfrauen, um einen Teller, gefüllt mit ligurischen Spezialitäten zu erstehen. Später spielte eine Drei-Mann-Kapelle - Klarinette, Geige und Akkordeon - zum Tanz auf. Jung und Alt reihte sich in den Kreis der Tanzenden ein. Für die Kinder war das ein besonderes Vergnügen.

Zum Abschied ging's oft hinüber nach Prelà. Hier wurde sonntags das berühmte ligurische Menü serviert. Ungläubig schauten wir beim ersten Mal auf die nicht enden wollende Reihe der Vorspeisen, kleine Köstlichkeiten im Blätterteigmantel. Dann die herrliche Pasta, in dreierlei Variationen. Da war das sogenannte Hauptgericht, meistens - typisch für Ligurien - Kaninchen, eigentlich Nebensache. Eine ausgelassene Stimmung erfasste die ganze Gesellschaft - meist italienische Familien - und zum Schluss wurde gemeinsam gesungen.

Die Jahre sind vergangen, die Familienverhältnisse sind nicht mehr dieselben, die Kinder erwachsen - und auch die Blumenriviera hat sich verändert: die großen Glasflächen der Treibhäuser an den Hängen des unteren Prinotals, die vielen neuen Häuser, neue Restaurants, mehr Autos auf den engen Straßen, die mit Liegestühlen und Sonnenschirmen zugepflasterten Strände - nur eines ist unverändert geblieben: die Liebe zu diesem Stück Ligurien.