Sonntag, 27. April 2008

Unterwegs auf dem ligurischen Jakobsweg

Wandern Sie noch, oder pilgern Sie schon?

 

Die Jakobsmuschel weist den Weg
Von Ulli Kappler - Acht Jahre lang träumte ich vom Jakobsweg - dem spanischen Jakobsweg durch die Pyrenäen, dem Weg, der inzwischen zur Massentouristenattraktion geworden ist und bei dem man in
der „Hochsaison" am besten schon morgens um 10 vor der Herberge steht, um das letzte Bett irgendwo zwischen Saint-Jean-Pied-de-Port an der französischen Grenze und dem 800 km entfernten Santiago de Compostela zu ergattern ...

Das, was ich da abschreckend in Zeitschriften las, war mir aber egal, denn in Gedanken sah ich mich fernab von allem Trubel allein mit meinem Hund durch einsame Ebenen wandern und steile Berge erklimmen - schweißgebadet und erschöpft, aber erfüllt vom spirituellen Erleben zwischen Milchstraße und Ley-Linien ...

Ich besaß die besten Wanderkarten und leichtesten Führer, hatte so ziemlich alles gelesen, was es zum Jakobsweg gab, lief gemeinsam mit Bella im Kaisergebirge die neuen Bergschuhe ein und schleppte mal sieben, mal zehn Kilo im Rucksack mit mir herum, um auszutesten, was ich tragen konnte. Im Juni 2002 hätten wir ohne Weiteres losgehen können, fand ich. Wir waren gut vorbereitet und ich war ganz scharf auf einen Pilgerpass. Nur 100 km muss man laufen, hatte ich gelesen, um als Pilger zu gelten. Ich wollte gerne eine Pilgerin sein - und die ganze Strecke gehen.

Hund Bella findet´s schönEs war mein Hund, der mir durch die Realisierung dieses Traums einen Strich machte. Zuerst humpelte er, dann hinkte er, dann lahmte er. Das niederschmetternde Ergebnis der Röntgen-Untersuchungen hieß Osteochondritis, beginnende Arthrose, Spondylose an zwei Wirbeln. Bergtouren verboten, lange Märsche sowieso. Medikamente, Spritzen, vielleicht eine Operation...

Das wars dann mit dem Jakobsweg, dachte ich, packte die leichten Führer zurück ins Regal und las noch einmal Shirley MacLaines „ Der Jakobsweg - eine spirituelle Reise". Denn mehr noch als die körperliche Anstrengung, hatte mich immer die Hoffnung auf etwas, das in meinem Inneren stattfinden würde, fasziniert.

Aber es war nicht zu ändern. Bella durfte nicht mehr und ohne sie wollte ich nicht. So fuhr ich mit ihr wie gehabt nach Ligurien und machte dort ab sofort die kleinen Stunden-Spaziergänge (halbe Stunde hin, halbe Stunde zurück) oberhalb unseres Häuschens in Cipressa durch Pinienwälder und Ginsterbüsche, immer mit dem Duft von wildem Thymian in der Nase und dem blauen Meer vor Augen.

Das ist schon eine großartige Gegend. Ich musste nicht trauern und mich nicht beklagen - denn schließlich, sagte ich mir, hängt das innere Erleben nicht von der Umgebung ab, sondern von der inneren Bereitschaft. Und die Milchstraße sah ich dort oben nachts auch. Aber die Sehnsucht blieb trotzdem.

Am 27. August letzten Jahres begegnete mir plötzlich das Unfassbare:
Dieses Schild zierte die alte, vertraute Pinie, an der ich jeden Morgen vorbei ging.

Die Jakobsmuschel! Roma - Santiago! Via della Costa!

Ja, war das zu fassen? Der Jakobsweg direkt hinter meinem Haus? Natürlich nicht DER Jakobsweg, den ich mir vorgestellt hatte, aber einer der Jakobswege, die nach Santiago führen. Einer, von dem ich bisher noch nichts gehört hatte. Das war ja wie das Sprichwort mit dem Berg und dem Propheten - wenn der eine nicht kommt, muss der andere eben hin.

Unglaublich. Da hatte das Universum, mit dem ich mich morgens beim Spaziergang immer verbinde, wirklich einen großen Coup gelandet. Es hatte mir den Jakobsweg mundgerecht serviert. Mir und meinem Hund.

Ich begann zu rechnen: Ein Spaziergang sind etwa 2 km hin und 2 zurück, das morgens und abends, macht 8 Kilometer am Tag. Wenn ich das 100 Tage lang mache, habe ich die 800 Kilometer von Saint-Jean-Pied-de-Port bis Santiago geschafft! Was sind schon hundert Tage? Das mache ich locker in einem halben Jahr.

Meine 800 km bin ich inzwischen längst gegangen - theoretisch befinde ich mich also schon wieder auf dem Rückweg von Santiago nach Saint-Jean ... auch wenn es immer dasselbe Stück ist, das macht nichts. Um mir das Gefühl von Wanderung zu geben, packe ich zur Abwechslung am Abend manchmal einen kleinen Rucksack mit einer Flasche Wein und einem Stück Käse und picknicke nach 2 Kilometern mit Blick aufs Meer.

Dem Gehenden schiebt sich der Weg unter die Füße (Martin Walser).