Freitag, 14. März 2008

Die Sprache der Ligurer

Von Claudio Paroli, mit freundlicher Genehmigung

Der Ausländer, der verschiedene Regionen Italiens bereist, wird über die Vielfalt der Dialekte, die er dort antrifft und die er oft kaum versteht, verwundert sein. Die Italiener benutzen ihre offizielle Landessprache noch nicht sehr lange und wenn, dann oft nur mit einem starken Einschlag des jeweiligen Dialektes. In der unmittelbaren Nachkriegszeit sprachen weniger als 10 % der italienischen Familien zu Hause Italienisch. Erst als in den 60er Jahren das Fernsehen
vermehrt Einzug in die italienischen Haushalte fand, konnte die italienische Sprache sich massiv ausbreiten. Man vermutet, daß Mike Bongiorno und Pippo Baudo mehr zur Verbreitung der italienischen Sprache beigetragen haben, als Dante Alighieri und Alessandro Manzoni. Heutzutage hingegen geraten die regionalen Dialekte – insbesondere bei den jungen Leuten – immer mehr ins Abseits, so daß es eines rettenden Eingriffs bedurfte um zu verhindern, daß mit den Dialekten auch einige Jahrtausende alte Kulturen in Vergessenheit geraten.

So gibt es auch in Ligurien seit einigen Jahren eine Tendenz zur Wiederbelebung des Dialekts. Es wird dort immer häufiger von einer Wiedereinführung an den Schulen gesprochen, zahlreiche akademische Studien beschäftigen sich mit dem Ligurischen und auf den Straßen sieht man oft Aufkleber mit dem Titel unseres Artikels. In der Küstenregion zwischen La Spezia und Ventimiglia kann man sich am leichtesten mit dem Ligurischen vertraut machen, indem man sich mit älteren Leuten aus der Gegend unterhält. Dabei wird man insbesondere in der Gegend um Genua den charakteristischen Singsang, bestehend aus Höhen und Tiefen, zu hören bekommen, der sich wie eine Mischung aus Französisch, Italienisch und Portugiesisch anhört.

Seit dem 13. Jahrhundert ist die Ähnlichkeit des alten Genuesisch mit dem Portugiesischen auf die großen Seefahrer dieser beiden Völker zurückzuführen, die auf allen Weltmeeren kreuzten: Die besten Seefahrer dieser Zeit mußten sich wenigstens untereinander verständlich machen können. In der Folgezeit hat die ligurische Sprache viele Nuancen in sich aufgenommen, je nachdem in welchem Gebiet sie gesprochen wurde, welche benachbarten Kulturen es gab und welcher Herrschaft Ligurien unterlag (Römer, Byzantiner, Langobarden, Normannen, Franzosen). Im äußersten Westen Liguriens zum Beispiel hört man noch heute die beachtlichen Einflüsse des Provenzalischen, während man umgekehrt in Monte-Carlo oder Mentone Provenzalisch mit einem starken ligurischen Einschlag spricht. Die unzähligen sprachlichen Übergangsvarianten, die zwischen Ligurien und dem Gebiet weiter westlich gesprochen werden, versetzen den aufmerksam zuhörenden Besucher ebenso wie den Spachwissenschaftler in Erstaunen. Nicht zu vergessen ist der Einfluß des Piemontesischen, insbesondere in den Tälern des Landesinneren, der sich in manchen Fällen bis an die Küste ausdehnt. Sinnbildlich ist der ausgeprägte Lokalpatriotismus in der Stadt Imperia, die von Mussolini (wer sonst hätte ihr diesen Namen geben können?) durch die Verschmelzung von Oneglia und Porto Maurizio gegründet wurde. Diese Städte liegen drei Kilometer auseinander, werden durch einen Fluß getrennt, haben aber eine sehr unterschiedliche Geschichte. Jemand, der vorgibt aus Imperia zu sein, wird in Ligurien sofort gefragt: „Aus Portu oder Ineja?“ Als Beispiel diene das Wort „uno“, das in Porto ion ausgesprochen wird und drei km weiter östlich ün. Der Grund? Oneglia war lange unter piemontesischer Herrschaft, während Porto Maurizio zur Republik Genua gehörte.

Dieser Dialekt ist nicht nur für Ausländer, sondern auch für Italiener aus Süd- und Mittelitalien sehr schwer zu verstehen. Es gibt allerdings ein ligurisches Wort, das wohl in ganz Italien durch den großen Theaterschauspieler des genuesischen Dialektes, Gilberto Govi, bekannt geworden ist: Belin. Weitestgehend unbekannt geblieben ist jedoch, daß dieses Attribut der männlichen Genitalien, das „vorwiegend“ als Interjektion verwendet wird (bezeichnenderweise hat Ligurien die geringste Geburtenrate ganz Europas!), von Belenus stammt, dem Gott der Fruchtbarkeit, der einst an der Küste verehrt wurde. Einige alte Dokumente weisen diesbezüglich auf einen Ort zwischen Ventimiglia und Albenga hin, genannt „Costa Beleni“. Es scheint außer Zweifel zu stehen, daß sogar der Name Belhen (Ballon), der einigen Bergspitzen im Schwarzwald und in den Vogesen verliehen wurde, den gleichen etymologischen Ursprung hat. Wer einmal längere Zeit in Ligurien verbracht hat, wird sich über einige folkloristische Wendungen zu diesem Stichwort amüsiert haben: abelinato, d.h. ohne belin, bedeutet z.B. einfach „blöd“, während imbelinarsi „fallen“ oder „stolpern“ bedeutet.

Kennt ihr schließlich Camogli, ein Fischerdorf, nicht weit von Genua? Wenn ihr mal dorthin kommt, vielleicht um von dem eigentlich streng verbotenen musciame zu probieren (getrocknetes Delphinfilet zubereitet auf norwegische Art), dann laßt euch nicht mit der Geschichte hochnehmen, der Name der Ortschaft stamme von „Cà“ und „mogli“ (Die Frauen zuhause), wegen der glorreichen und jahrhundertealten Seefahrer-Traditionen. In Wahrheit stammt der ligurische Name Camugi von „Cà a mugi“, was soviel wie „Häuser im Haufen“ bedeutet und sofort einleuchtet, wenn man den Ort betrachtet. Zum Abschluß möchten wir wie in den vorangegangenen Artikeln einige Beispiele aus der Alltagssprache wiedergeben, diesmal anhand von mehr oder weniger regionalen Sprichworte, die die typische Vorsicht und Zurückhaltung dieses Menschenschlages hervorheben. Wenn ihr sie aus erster Hand hören wollt, dann geht ihr am besten mit geöffneten Ohren durch die carugi (Gassen) einiger Dörfer im Landesinneren, wo es nur wenige Leute gibt, die aufgehört haben das Ligurische zu sprechen.

Come l’anciua in ru barì l’ürtima a entrae, a l’è a prima a sciurtìe.
Come l’acciuga è l’ultima a entrare nel barile, è la prima a uscirne.
Die Sardine, die zuletzt in der Dose landet, ist die erste, die wieder herauskommt.

U mundu u l’è fau a scara, gh’è chi a munta e gh’è chi a cara.
Il mondo è fatto a scale, c’è chi le sale e c’è chi le scende.
Die Welt ist eine Treppe, einige steigen sie hinauf, andere klettern herab.

L’amue u l’è ciü forte che u brusu.
L’amore è più forte del “brusso” (formaggio piccante).
Liebe ist kräftiger als Brusso (scharfer Käse).

Candu u gatu u sente l’audù du rostu, u se berleca.
Quando il gatto sente l’odore d’arrosto, si lecca i baffi.
Sobald die Katze den Braten riecht, leckt sie sich die Lefzen.

U freidu e u caudu nu se u mangia i rati.
Il freddo e il caldo non se lo mangiano i topi.
Kälte und Hitze werden nicht von den Ratten gefressen.

Mercante e porcu i se pesa dopu mortu.
Mercante e maiale si pesano dopo morti.
Kaufleute und Schweine wiegt man nach ihrem Tod.

Sensa oeriu e sensa paiela nu se pö frize.
Senza olio e senza padella non si può friggere.
Ohne Öl und ohne Pfanne kann man nicht braten.


(Übersetzung: Manuel Fumagalli)