Sonntag, 10. Februar 2008

Le Caselle - Zeugnisse bäuerlicher Kultur

Maultierpfade und Trockenmauern durchziehen das ligurische Hinterland. Zu den Besonderheiten der terrassierten Landschaft zählen auch die „Caselle“, jene runden, seltener auch eckigen, oft in eine Mauer oder um einen Felsen angelegten steinernen Bauten, die
man auf Spaziergängen rund um die Dörfer und in den Bergen noch häufig entdecken kann. Ihr Zweck will sich einem nicht gleich erschließen. Für menschliche Behausungen scheinen sie dem heutigen Wanderer zu klein und spartanisch.

Besonders zahlreich sind diese Zeugnisse bäuerlicher Kultur im Tal des Torrente Impero und seiner Zuflüsse, in den Olivenhainen rund um Borgomaro, Lucinasco und Pontedassio und im Hinterland von Diano Marina. Viele der Steinbauten sind eingestürzt und von dornigem Gestrüpp überwuchert, andere widerum, obwohl vor Jahrhunderten errichtet, sind gut erhalten und noch in Gebrauch. Früher boten die Caselle Bauern und Hirten bei Unwettern Unterschlupf und Obdach während der Ernte. Wenn sie nicht gänzlich aufgegeben wurden, bewahren die Olivenbauern heute noch manchmal ihre Netze und anderes Arbeitsgerät darin auf.

Man betritt eine Casella gezwungenermaßen in der „ligurischen Demutshaltung“ - tief gebeugt unter einem niedrigen Türsturz aus Kastanien- oder Olivenholz. Wenn sich die Augen an das Halbdunkel im Inneren gewöhnt haben, findet man sich in einem kunstvoll geschichteten, mannshohen Raum aus Stein wieder, der sich zu einer Kuppel wölbt. Bei manchen der Bauten lässt sich die Abschlußplatte beiseiteschieben. So konnte der Rauch des Feuers abziehen. Die meisten sind jedoch mit Erde bedeckt und Gras bewachsen, um auch noch die kleinste Fläche wirtschaftlich nutzen zu können. Nischen bieten Platz für Vorräte, der Boden ist mit flachen Steinen ausgelegt.

Jede Casella ist auf ihre Art ein kleines Meisterwerk der Bau- und Ingenieurskunst, geboren aus Armut und Not, aber alles andere als armselig, vielmehr in ihrer Funktionalität durchdacht und harmonisch in die Umgebung eingefügt. Wie die Baumeister die statischen Probleme lösten, die die örtlichen Gegebenheiten mit sich brachten, haben die Architekten Paolo Gallo und Barbara Moretto im Rahmen ihrer Doktorarbeit untersucht, die sie in einem opulenten Bildband mit zahlreichen Fotos und Konstruktionszeichnungen veröffentlicht haben („L`architettura delle Caselle“, von Paolo Gollo und Barbara Moretti, erschienen bei Grafiche AMADEO, Imperia/Chiusanico).

Die beim Bau der Caselle angewandte Technik ist aus vielen bäuerlichen Kulturen bekannt, aus China etwa, dem Mittleren Orient und den Anden. Im Mittelmeerraum findet man ähnlich karge Behausungen in der Provence, wo sie „cabanons“ genannt werden. In Istrien heißen sie „casite“. Und doch sind die Caselle Liguriens etwas Einmaliges. Sie wären ohne die Trockenmauern, mit deren Hilfe die Bauern dem steilen Gelände ebene Flächen abtrotzten, nicht denkbar. Nur durch die so entstandenen Terrassen konnte das Land überhaupt bestellt und beweidet werden.

Die „muri a secco“, Werk von vielen Generationen, sind heute akut bedroht. Dabei haben sie eine enorme hydrogeologische Bedeutung für die Region. Mit der steten Abwanderung der Menschen aus dem Hinterland im letzten Jahrhundert übernahmen vielerorts Waldrebe, Efeu und Brombeere die Herrschaft. Die wilden Schlinger und Kletterer „fressen die Mauern“, wie die Ligurer sagen. Als Folge davon stürzen die zunehmend heftiger werdenden Regenfälle ungebremst ins Tal, Schlammlawinen bedrohen Straßen und Häuser. Der Erhalt und Wiederaufbau der Terrassen scheint zwingend, wenn die gerade zaghaft einsetzende Rückkehr der Menschen ins Hinterland nicht abreißen soll.

Eine besonders eindrucksvolle Casella kann man zwischen Chiusavecchia und Lucinasco besichtigen. Auf halbem Weg findet man linkerhand ein Hinweisschild. Der vor einigen Jahren als Demonstrationsobjekt errichtete Bau ist größer als die meisten anderen erhalten gebliebenen Caselle. Er zeigt anschaulich, mit welcher handwerklichen Fertigkeit die ligurischen Bauern das Einzige bearbeiten konnten – und gelegentlich noch können – woran in ihrem kargen Land kein Mangel herrscht: Steine.