Montag, 14. November 2016

Bussana Vecchia am Scheideweg

Das Erdbeben, das 1887 Ligurien heimsuchte, hat Narben hinterlassen, Narben, die heute noch zu sehen sind. In Bussana, wo damals 54 Menschen ihr Leben ließen, waren die Zerstörungen so groß, dass die Bewohner den Ort aufgaben. Sie hausten zunächst in Zelten in
den Trümmern. In den hölzernen Baracken, die man ihnen hinstellte, durften sie weder kochen noch heizen. Ein Gutachten bescheinigte schließlich die Unbewohnbarkeit des Dorfes. Zu unrecht, wie man heute weiß. Nach sieben Jahren gaben die Bewohner auf. Der Pfarrer las ein letztes Mal die Messe in der Kirche ohne Dach, die Gemeinde stimmte den Psalm „Israels Auszug aus Ägypten“ an. Dann zogen sie mit Sack und Pack den Hügel hinunter ins drei Kilometer entfernte neue Bussana.

In der 60er-Jahren des letzten Jahrhunderts kehrte nach und nach das Leben zurück in die Ruinen. Künstler nisteten sich ein, räumten den Schutt weg und bauten Wohnräume, Ateliers und Werkstätten aus. Rasch wurde das malerische Dorf zu einem Anziehungspunkt für Aussteiger und bald auch Touristen. Irgendwann flossen auch wieder Wasser und Strom, ganz offiziell.

Von der Verfassung, die sich die Künstlerkolonnie in den 60er-Jahren gab, ist nicht mehr viel übrig geblieben. War es früher üblich, die selbst ausgebauten vier Wände zum Preis der Instandsetzung in neue Hände zu geben, so hat sich inzwischen ein regelrechter Immobiliemarkt entwickelt. Dabei sind die Eigentumsverhältnisse alles andere als klar.

Weil Bussana Vecchia den selben Status hat, wie Pompeji, der jegliche bauliche Veränderung verbietet, wurde 1968 der Abriss der schwarz ausgebauten Häuser und Wohnungen angeordnet. Die Künstler und ihre Unterstützer gingen auf die Barrikaden, der Bautrupp musste unverrichteter Dinge abziehen. Dieses Damoklesschwert schwebt noch heute über den rund 100 Bewohnern, von denen nur noch 28 Künstler sind.

Die Ruinen bereiten der Gemeinde Sanremo, zu der Bussana Vecchia gehört, nicht wenig Kopfzerbrechen. Zwar liegt in der Schublade seit vielen Jahren ein Plan, wie man die verzwickte Lage bereinigen könnte, doch wurde er nie dem Stadtrat vorgelegt. Grillos Bewegung Cinque Stelle hat jetzt Bussana auf die Tagesordnung gesetzt. Es könne nicht angehen, dass die Gemeinde „diesen Ort von seltener Schönheit“ auslöscht. Die EU solle Gelder zu seinem Erhalt locker machen.

Aber wäre Bussana Vecchia dann noch Bussana Vecchia?

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