Freitag, 10. Februar 2012

Liguriens Mata Hari kam aus Apricale

Es gibt kein Bild von Cristina Bellomo. Sie muss aber sehr schön gewesen sein, mit grünen Augen und rotem Haar. Geboren wurde Cristina 1861 in ärmlichen Verhältnissen in
Apricale, einem  Bergnest im hintersten Winkel des Nervia-Tals. Sie war die Letzte von sieben Töchtern und hütete die Schafe. Wer hätte je vorhersehen können, dass sie es einmal zu Ruhm und Reichtum bringen würde?


Für Frauen jener Zeit war die einzige Ortsveränderung oft der Umzug ins Haus ihres Ehemanns. Doch für die schöne Cristina nahm das Leben eine gänzlich anderen Verlauf. Sie verliebte sich in den Halodri Giovanni Pisano und folgte ihm an die Cote d`Azur. Es dauerte aber nicht lange, da musste sich Ehemann Gio wegen krummer Geschäfte nach Amerika absetzen. Cristina fand in Nizza Arbeit im Haus des Grafen De La Tour. Der 40 Jahre ältere Adelige verliebte sich Hals über Kopf in seine Wäscherin und nahm sie mit nach Paris. Cristina, die inzwischen französisch sowie lesen und schreiben gelernt hatte, ging bald in den Salons der Metropole ein und aus.

Eine Heirat blieb ihr verwehrt. Cristina war immer noch Gios Frau und eine Ehescheidung war im Italien des 19. Jahrhunderts nicht vorgesehen. Aber der Graf hatte vorgesorgt: Als er starb, ging ein Gutteil seines Vermögen an Cristina, die auch seinen Namen annahm.

In den folgenden Jahren sagt man der Contessa Verbindungen zu Proust und Liebeständel mit Zola und Debussy nach. Am Zarenhof soll sie ihre Schönheit als Spionin eingesetzt haben. Beweisen kann man es nicht. Belegt ist immerhin, dass die Contessa De La Tour mit dem Bruder des Zaren verbandelt war und den Großfürsten heiraten wollte. Das ging aber nicht ohne ihre bestehende Ehe zu annulieren. Gio ließ sich überreden, aus Amerika nach Apricale zu kommen, wo Cristina inzwischen ein Haus besaß.

Was genau dort am 29. Mai 1904 passierte, keiner weiß es. Es kam wohl zum Streit, Gio nahm eine Axt und erschlug Cristina. Wenig später erhängte er sich auf dem nahen Friedhof. Die Verwandtschaft Cristinas in Apricale ging leer aus. Alles, was Cristina besaß, erbten die Nonnen von „Opera Pia di Ventimiglia“. Über vieles hat sich der Mantel der Geschichte und des Vergessens gelegt.

In Apricale aber pflegt man die Erinnerung an die berühmte Tochter. Im Castello della Lucertola hat man einen Raum im Stil ihrer Zeit möbliert. Vielleicht gehörte das eine oder andere Stück ja sogar wirklich der Contessa De La Tour.