Samstag, 3. September 2011

Der neue Schrank

Von Calabrone Für eines der Schlafzimmer brauchen wir noch einen dekorativen Kleiderschrank, der wegen der räumlichen Gegebenheiten bestimmte Maße nicht überschreiten darf. Auf der Suche danach haben wir so ziemlich jedes Möbelgeschäft zwischen Sanremo und Albenga kennengelernt. Die Ligurer errichten ihre Hausmauern
scheinbar um die Schrankwände herum, mindestens 240cm hoch und breit wie Bahnsteige.

Ein Kinderzimmerkleiderschrank aus Press-Span kann uns auch nicht überzeugen. Zufällig entdecken wir schließlich in einem Einkaufszentrum Richtung Pontedassio einen Schrank nach unserem Geschmack. Das isser. Indische Importware aus Massivholz mit schweren Eisenbeschlägen.

Es handelt sich um ein Einzelstück und da es ein wenig ungünstig zwischen anderen Schränken eingekeilt ist, bekommen wir noch einen netten „sconto“. Der Schrank soll am nächsten Wochenende geliefert werden. Ich bin mir sicher „per un po di mancia“ (ein kleines Trinkgeld), werden die Fahrer den „armadio“ bis in die Wohnung tragen.

Samstagvormittag klingelt das Handy: Ich jetzt hier an der Straße, können Sie mir mal beim Abladen helfen? Der Fahrer ist ein Pakistani, ungefähr 150cm groß und schlank. Wir stellen fest, dass der Schrank mindestens 10 Quintale wiegt.

Beim gemeinsamen Versuch ihn von der Ladefläche zu wuchten, durchfährt es mich wie ein Blitz. Ein Hexenschuss, „colpo di strega“. Zum Glück sind noch vier Leute da, die gerade unseren Umzug gemacht haben, alles kräftige Kerle. Die schaffen es dann unter Ächzen und mehrmaligem Absetzen wenigstens bis in unsere Cantina.

In den nächsten Tagen bleiben die Klamotten in den Umzugskartons im Keller. Ich versuche den Schrank auseinander zu nehmen, die Türscharniere kann man abschrauben. Beim Absetzten der Türflügel benötige ich Hilfe, jeder wiegt gefühlte zwei Zentner. Die unteren Schubladen klemmen, ich muss sie unter Zuhilfenahme eines Flaschenzuges herauszerren.

Mein Fazit: das Teil ist aus einem Klotz geschnitzt. Die können was, die Inder.

Nachts komme ich kaum in den Schlaf, der Rücken schmerzt und meine Frau meckert, sie will endlich den Schrank in der Wohnung haben. Verdammt, die alten Ägypter haben es doch auch geschafft, die riesigen Steinquader zu bewegen. Ich suche nach Eisenrohren, weil ich überzeugt bin, dass man darauf den Schrank mit Hilfe starker Männer die Gasse raufrollen könnte.

Die Burschen verwerfen die Idee, sie haben wohl, als es in der Schule um den Bau der Pyramiden ging, gefehlt, oder vielleicht nur die römische Geschichte unter Sylvio Berlusconi gelehrt bekommen.
Einer hat den Einfall einen Kran zu bestellen. Der soll dann den Schrank durch ein Fenster in die 1. Etage hieven. Zu aufwendig, befinde ich, dann mach ich lieber Brennholz draus.

Aber irgendwann kann ich vier kräftige Kerle bei Ihrer Ehre packen. Ich wette um eine Kiste Bier, dass sie es nicht schaffen, das Ding 30 Meter weit, ohne abzusetzen, in die Wohnung zu tragen.

Die Nachbarn, die sich dieses spectacolo natürlich nicht entgehen lassen, feuern die Jungs mit „forza, forza“ zu Höchstleistungen an. Sie schaffen es tatsächlich, mit schmerzverzerrenden Mienen.

Das Bier schlagen sie aus. Sie wollten den Deutschen nur beweisen, wie stark die ligurischen ragazzi sind.