Samstag, 24. Januar 2009

Ligurisches Wintermärchen

Hinter Pieve di Teco ist das Landschaftsbild schon deutlich winterlicher, in Nava werden mittels schwerem Gerät Eisplatten von der Straße gehackt, in Ponte di Nava liegt in grauen Haufen der beiseite geschobene Schnee, ein eher trauriger Anblick, trotz strahlender
Sonne. Dann aber links und rechts der Straße nach Viozene stattliche Schneewände. Viele Bäume sind unter der weißen Pracht eingeknickt. Wir fahren weiter entlang des wilden Tanero, im Schatten der Felsen.
Dann ein Warnschild, aber schon sind wir vorbei. Zurückfahren? Was soll sein? Die Straße ist geräumt, es kommen uns keine Autos entgegen ...

An den Eiszapfen, mächtig wie Orgelpfeifen, die von den Felsen über die Straße hängen, leckt die Mittgagssonne. „Wenn die liebe Sonne scheint, uns're Pirlipause weint" (Pommersches Winterrätsel aus der Greifen-Fibel) - und fällt uns womöglich aufs Autodach. Die Dinger wiegen Tonnen. Wir fahren Slalom zwischen bereits zerschellte Eisbrocken. Bis die ersten Häuser von Upega auftauchen und die Felsen zurückweichen, verläuft die Fahrt in beklommenem Schweigen. Auf den Hausdächern
des Dorfes türmen sich Schneehauben: winterwonderland auf ligurisch. Doch keiner scheint da zu sein, um es zu genießen. Alle Fensterläden sind geschlossen. Wir rütteln vergebens an der Türklinke des örtlichen Fremdenverkehrsbüros. Irgendwo muss doch die Loipe sein, die auf einem im Schnee halb versunkenen Schild groß angekündigt wird. Doch an dem leeren Parkplatz ist die Fahrt zu Ende. Die Straße, die sommers weiter nach Monsei führt, ist nicht auszumachen, hohe Schneewände ringsum, nur ein kleiner geräumter Fußweg führt ins Dorf. Kein Mensch ist zu sehen, geschweige denn lädt gar eine Trattoria zur Einkehr ein.

Mit knurrendem Magen fahren wir zurück, diesmal auf der den Eissäulen abgewandten Seite. Auf den Zapfen turnen inzwischen ein paar Verrückte mit Eispickeln und Sicherungsseilen herum.

Wir halten am Albergo del Tiglio in Viozene, das draußen seine fangfrischen Forellen anpreist. „Die haben noch bis März geschlossen", sagt der Mann, der am Parkplatz neben uns aus seinem Allradfahrzeug steigt. Ob denn diese verrammelten Häuser alle Ferienobjekte seien, fragen wir. Ja, meint er, das sind Apartments, ganzjährig vermietet, für 2000 Euro. Das Haus vor dem wir stehen, gehört ihm. Auch hier ist niemand zuhause. Der Gemüse- und Feinkostladen an der Kreuzung in Ponte di Nava, eine weithin bekannte Anlaufstelle für Feinschmecker und an Wochenenden ein beliebter Einkaufsstopp für Urlauber aus Turin, hat über Mittag geschlossen.. Die Trattoria gleich daneben, die einen hervorragenden Caffè serviert, ist „chiuso per malattia". Ein Stück weiter die Staatsstraße in den Ort hinein Richtung Ormea, tritt gerade eine Dame im Nerzmantel aus der „Vecchia Locanda" (PONTE DI NAVA 43, 12078 Ormea (CN), Tel.0174 399909) und wird fast überfahren: Der Bürgersteig ist nur knapp schulterbreit. Es ist schon deutlich nach 13.00 Uhr, also nicht gezögert!

Im freundlichen Gastraum sitzen noch ein paar versprengte Esser und sehen ziemlich einheimisch aus. Die urtümliche Dampfheizung mir ihren zu- und abführenden Rohren und Ventilen ist ein imposantes Schaustück. Mäßig beheizt wird der Gastraum von einem Ölofen. Gegen die Kälte, die vom Boden in die Beine kriecht, kann er allerdings nichts ausrichten. Wie sich herausstellt, sind wir zufällig in einem Spezialitäten-Restaurant gelandet. Auf der Karte stehen Gerichte der Region wie die Polenta Saracena und die Lasagne d'Ormea, beide hergestellt aus einer alten Getreidesorte, dem „grano saraceno" und mit einer köstlichen Lauch-Steinpilz-Sahne-Soße serviert. Auch das ligurische Standardgericht „Coniglio" ist ausgezeichnet. Zu empfehlen außerdem der Käseteller mit regionalen Alm-Spezialitäten wie Raschera und Ormea und zu guter Letzt der Pinien-Likör, wie vieles in diesem Lokal hausgemacht. Schräg gegenüber bei „Beppe" in der Albergo Ponte di Nava hätten wir mit sonnigen Blick auf den Tanaro vielleicht stilvoller speisen können, aber ob auch besser?

Die Sonne ist längst hinter den Bergen verschwunden, als wir - vorsichtig - aus der Locanda treten. Eigentlich waren wir ja ausgezogen, die Ski- und Langlaufbedingungen der Region zu erkunden. Ein andermal ...

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