Mittwoch, 2. April 2008

Das Denkmal Edmondo de Amicis in Oneglia

Wer ein Anliegen an die Elektrizitätsgesellschaft ENEL hat, findet in der Zentrale an der Piazza della Vittoria in Imperia nur noch einen einzigen Schreibtisch, an dem ein leibhaftiger Mensch seinen Dienst am Kunden versieht. An den übrigen, verwaisten Arbeitsplätzen
des früher bienenemsigen Großbüros steht jetzt jeweils ein nüchternes Telefon. Wenn der Kunde den Hörer in die Hand nimmt, wird er umgehend mit einem Sachbearbeiter verbunden, versprechen mit Tesafilm an die Wand geklebte Zettel. Wer weiß, wo das CallCenter am anderen Ende der Leitung seinen Sitz hat?

Vielleicht in Indien. Das soll es geben. Die orangeroten Clubsessel aus dem vorigen Jahrhundert sind alle besetzt, die Kunden warten in stummer Ergebenheit: Das kann dauern. Während sich einer in die wartende Menschenschlange einreiht, behält der andere draußen das Auto im Blick – der Parkplatz ist nicht ganz legal.

So bietet sich die Gelegenheit, mal durch den kleinen Park zu schlendern und die Monumente auf der Piazza della Vittoria in Augenschein zu nehmen, an denen man seit Jahren zielstrebig vorbeifährt. Das eine ist unverkennbar den Gefallenen der Stadt gewidmet und gibt dem Platz seinen Namen. Doch wer steht da drüben auf dem Sockel?


Dieses Denkmal ist Edmondo De Amicis gewidmet und zeigt den Schriftsteller und Patrioten umgeben von Kindheitsszenen, Bezug nehmend auf sein wohl bekanntestes Werk, den Roman „Cuore“. De Amicis wurde anno 1846 in Oneglia geboren. Doch nicht die Stadt, sondern die Kinder Italiens haben das Denkmal gestiftet, um dem Autor des in viele Sprachen übersetzen Jugendbuchs „Cuore“ zu danken. „I BIMBI D`ITALIA A EDMONDO DE AMICIS” lautet denn auch die Inschrift des Denkmals, das 1923 in Angriff genommen wurde, zwei Monate nach der Zwangsheirat von Porto Maurizio und Oneglia. Es liegt auf halbem Weg zwischen beiden Ortsteilen Imperias, so hat jeder etwas davon.

Millionen italienischer Grundschüler hatten je 10 Centesimi gespendet, um das Projekt zu finanzieren. 252.879,05 Lire kamen so zusammen, 271.556,75 kostete das in Bronze gegossene Bildnis. Eingeweiht wurde es am 15. Mai 1932, zusammen mit dem Palazzo Comunale gleich nebenan.  Die Namen der kleinen Spender füllen 137 Bände, die heute in der Bibliotheca Civica von Imperia aufbewahrt werden.

Weil sich in diesem Jahr der Todestag des Nationaldichters zum 100. Mal jährt, hat die Gemeinde Imperia die damals an der Aktion beteiligten Kinder der Stadt aufgerufen, sich zu melden. Ein Dutzend 90 bis 94 Jahre alte Männer und Frauen konnten bisher ausfindig gemacht  werden, darunter Ilo Martini. "In meiner Klasse waren viele arme Kinder, die keine Schuhe hatten. Die meisten der Väter arbeiteten bei Agnesi", erinnert sich der Schüler des Jahrgangs 1915. Die Gemeinde Imperia will den Spendern in einem Festakt eine Minitaturausgabe des Denkmals überreichen.

Edmondo De Amicis ist auch heute nicht vergessen. Seine Reisebeschreibung „Vom Appennin zu den Anden“ ist 2002 von dtv wieder aufgelegt worden und auch sein Bestseller „Cuore – Eine Kindheit vor 100 Jahren“ ist noch erhältlich (Freese Verlag, Berlin, 1996, Italienische Bibliothek, Band 7).
Der große Sohn Oneglias würde seine Stadt heute kaum wieder erkennen. Am Lungomare gegenüber seinem Standplatz entsteht derzeit der neue Porto Turistico, ein gigantisches, umstrittenes Projekt, dessen Nutzen für die Bürger höchst zweifelhaft ist. Doch das ist eine andere Geschichte.

Inzwischen ist ein Parkplatz frei geworden, man kann im Park in aller Ruhe noch einen Café trinken, bevor man sich auf der Post in die nächste Schlange einreiht.