Dienstag, 25. März 2008

Invasion der Tausendfüssler

Schaufel voller 1000füssler
Eigentlich darf man nicht meckern: Nicht über die Scheußlichkeit der Gewerbegebiete, nicht über die wilden Müllkippen, auch nicht über die Kamikaze-Scooter, und schon gar nicht über die Preise. Zuhause ist´s nicht viel besser und schließlich ist man in Ligurien zu Gast. Also den
monströsen Einkaufswagen klaglos durch Conad geschoben, die Mineralwasser-Batterien reingewuchtet, ... „fare la spesa“ eben. An der Kasse stellt sich heraus, dass man vergessen hat, den Salat abzuwiegen. Obwohl der ganze Betrieb jetzt zum Erliegen kommt, muckt keiner auf, nur eine deutsche Stimme murrt. Der impulsive Italiener scheint ein Auslaufmodell zu sein, jedenfalls im Norden. Deshalb sind auch die Schilder mit der durchgestrichenen Autohupe verschwunden, die noch in den 60er-Jahren vor jeder Ortsdurchfahrt in Italien „Ruhe!“ anmahnten. Sie werden nicht mehr gebraucht. Die „Eingeborenen“ üben sich heutzutage in buddhistischer Gelassenheit, die bisweilen an Gleichmut grenzt. Wir sollten es ihnen gleich tun, wir sind schließlich im Urlaub. Doch es gibt etwas in Ligurien, das mich wirklich aus der Fassung bringt ...

Es begann mit diesem strengen Geruch, der mir tagelang nicht aus der Nase wollte, ein Geruch, scharf wie Eselspisse. Wir leben in der Campagna, schon möglich, dass sich über viele Jahre an einer bestimmten Stelle ein olfaktorisches Konzentrat gebildet und erhalten hat. Man kennt das von Katermarkierungen. Es dauerte eine ganze Weile, bis ich zwischen dem spröden Knacken unter meinem Fuß, das ich auf dem Weg über die „Faschen“ öfter vernahm und dieser „Duftnote“ einen Zusammenhang herstellte. Der Übelriecher war dann schnell identifiziert: ein Tausendfüßler, etwa 7 cm lang, in Gliederringe unterteilt, mit winzigen Fühlern am Kopf.. Unter seinem braunschwarzen Panzer wuseln die namensgebenden vielen, vielen Füße. Bei Gefahr sondert der Krabbler jenen intensiven Gestank ab. Ich weiß nicht, ob er seine Feinde in Feld und Flur damit wirkungsvoll auf Distanz hält, mich auf jeden Fall. Doch Begegnungen sind einfach unvermeidlich...

Es war noch Sommer, sehr trocken, die Morgen ohne Tau. Der Tausendfüßler aber liebt es feucht, wie ich bald lernen sollte. Unter Laub und kompostierender Biomasse fühlt er sich wohl. Ich traf ihn morgens beim Unkrautjäten, noch kältestarr zusammengerollt (er), eigentlich ganz harmlos. Erwischt man ihn bei höheren Temperaturen und dreht ihn aus Versehen auf den Rücken, tut er alles, um wieder auf die zahllosen Beine zu kommen. Er windet sich, den verletzlichen weißlich-gelben Bauch entblößt, wie ein Aal. Genau hier fängt bei mir das kalte Grausen an. Etwas Ekeligeres gibt es nicht, als diesen Anblick.

Mit der steigenden Sonne steigt auch der Bewegungsdrang des schwarzen Wurms. Er legt in affenartiger Geschwindigkeit erstaunliche Strecken zurück auf der Suche nach... was eigentlich? Einem paarungsbereiten Weibchen/Männchen, nach Nahrung, einem Schlafplatz, einer Kinderstube? Jedenfalls scheint das Ziel immer unmittelbar mit unserem Haus in Verbindung zu stehen. Während ich nur mal eben den Komposteimer weggebracht habe, sind elf dieser schwarzbraunen Gesellen drei Meter hoch an der sonnenverwöhnten Hauswand raufgelaufen. Und es werden immer mehr.

Inzwischen bin ich Weltmeisterin im Tausendfüßler-Weitwurf. Mit Todesverachtung stupse ich sie in meine Handfläche – vorsichtig, um den Ekel auslösenden Aal-Effekt zu vermeiden - und schleudere sie im hohen Bogen ins Gelände. Sie zu zertreten ist schlimmer. Das Knacken des Panzers und der einhergehenden Gestank sind einfach zuviel. Und dann kommen die Ameisen und machen sich über die Reste her... Ich gebe es zu, ich habe auch schon eine Schaufel voll meiner Feinde im Siel ertränkt.

Aber egal, was ich auch tue, am nächsten Morgen sind sie wieder da und haben gleich noch ein paar Verwandte mitgebracht. Ich bin überzeugt, dass die schwarzen Würmer ernorm nützlich und entwicklungsgeschichtlich bedeutend sind, aber wirklich mögen tut sie niemand (bis auf den räuberischen schwarzen Moderkäfer Ocypus olens haben sie keine mir bekannten Fressfeinde). Der ungerupfte Fasan, den uns ein Nachbar schenkte, hatte ein paar Exemplare der Vielbeiner in seinem Kropf. Aus Unwissenheit! Fasane werden in Ligurien für die Jagd ausgesetzt, haben also vorher nie etwas anderes gefressen als Körnerfutter. Da ist ein Tausendfüssler ein richtiges Highlight.

Mit der steigenden Luftfeuchte des Herbstes sammeln sich meine Feinde unter den Tür- und Fensterstürzen und schaffen es zu meinem Entsetzen sogar irgendwie, nach drinnen zu gelangen. Ihre vertrockneten Hüllen hängen in den Spinnweben, wenn das Haus nach Weihnachten wieder bezogen wird. Der Staubsauger ist dann mein bester Freund.

Biblische Ausmaße, wie im vorarlbergischen Ort Röns hat die Plage bei uns aber zum Glück bisher nicht angenommen. Seit 2002 wird man dort vom „großen Krabbeln“ heimgesucht. Jetzt haben die Einwohner offenbar ein wirksames Mittel gegen das unerklärliche Phänomen gefunden: Raubmilben. Sie fressen die Eier der Tausendfüßler. Die Milben werden zu 25.000 Stück in Dosen verkauft. Ausstreuen, fertig. Her damit!